
Vergessene Pionierinnen: Die verborgene Geschichte des deutschen Frauenfußballs (1900–1945) – Teil 1
Ein kurz erwähntes Frauenteam in Leipzig, Trainingszeiten in einer Bergedorfer Zeitung, ein Damen-Fußballclub in Frankfurt: Die frühe Geschichte des Fußballs der Frauen in Deutschland gleicht einer Spurensuche. Im ersten von vier Teilen gehen wir ihr nach.
Die Geschichte des deutschen Frauenfußballs wird bis heute oft nur in verkürzter Form wiedergegeben, selten wird die Zeit vor 1970 überhaupt erwähnt – und wenn, dann oft nur Lotte Specht und ihr 1. DDFC. Die Wiederentdeckung dieser Zeit entwickelt sich langsam und wir wollen als Legende Verloren gemeinsam dazu beitragen. Wir haben bei forgotten heroines die Geschichte Deutschlands im Fußball der Frauen bis 1990 auf Englisch geschrieben – inklusive der vielfältigen und viel zu selten erzählten Geschichte vor den wilden 1970er Jahren. Hier werden wir nun die deutschen Fassungen nach und nach in einzelnen Artikeln veröffentlichen.
Vergessene Heldinnen
Es war 1957, als ein deutsches Frauen-Team bei einer „inoffiziellen” Europameisterschaft das Feld betrat. Die Spielerinnen trugen stolz den Adler auf der Brust. Das Nationalteam war erst im Jahr zuvor gegründet worden und Lore Barnhusen (geb. Karlowski) bereitete 1956 das allererste Tor bei einem Spiel gegen die Niederlande vor. Jahrzehnte später, als sie gefragt wurde, ob eine Feier zu Ehren der bahnbrechenden ersten EM-Teilnahme geplant sei, war ihre Antwort ernüchternd: „Nein, wir sind vergessen worden. Das ist mehr als traurig”.
Die Geschichte des Frauenfußballs in Deutschland ist eine Geschichte vergessener Heldinnen – eine Erzählung von Leidenschaft und andauernder Beharrlichkeit angesichts von Verachtung, versuchten Verboten und systemischer Benachteiligung. Von geheimen Spielen bis hin zu triumphalen Europameistertiteln kämpften Generationen deutscher Frauen unermüdlich dafür, den Sport, den sie liebten, auszuüben.
Als die Leidenschaft entfacht wurde
Von den wahren Anfängen des Frauenfußballs in Deutschland ist leider vieles in Vergessenheit geraten oder wurde erst gar nicht berichtet. Tatsächlich ist das Verbot innerhalb des DFB von 1955 das deutlichste indirekte Indiz für fußballspielende Frauen des 20. Jahrhunderts, da die Männer dominierten Fußballverbände offenbar die Notwendigkeit sahen, einzugreifen. Die Suche nach den ersten Pionierinnen ähnelt mehr einem Detektivspiel als Fußballrecherche, man hofft auf auch noch so kleine Spuren und Lebenszeichen.
Wir wissen somit nicht, wann die ersten Frauen in Deutschland Fußball gespielt haben. Aber als sich der Fußball im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert in ganz Europa verbreitete, ließen sich Frauen wahrscheinlich ebenso wie ihre Brüder, Väter oder Partner von der aufflammenden Leidenschaft anstecken. Sie spielten vielleicht mit Männern zusammen – in der Schule, in Parks, in Hinterhöfen oder neben Fabrikgeländen. Fußball war damals vor allem Freizeitbeschäftigung. Die Spiele waren leger, wurden in langen Hosen und Straßenschuhen ausgetragen und hatten nichts mit der Stadionkultur zu tun, die wir heute mit diesem Sport verbinden. Kurzum, es gibt keinen Grund anzunehmen, dass Frauen nicht dabei waren, als Fußball Deutschland eroberte. Aber ihre Anwesenheit hinterließ kaum Spuren.
Die bisher erste bekannte Erwähnung einer Frauenfußballmannschaft in Deutschland stammt aus dem Jahr 1907, als der FC Fortuna 02 Leipzig angeblich ein Frauenteam gründete. Wir wissen jedoch nichts über diesen Verein. Es gibt keinen Kontext, sondern nur einen einzigen Zufallsfund in einem Archiv, der Jahrzehnte später in einer Veröffentlichung eines lokalen Fußballverbands auftauchte. Was ist aus diesen Spielerinnen geworden? Wer waren sie? Wir wissen es nicht. Sie verschwinden fast so schnell aus den Aufzeichnungen, wie sie darin aufgetaucht sind. Das Gleiche gilt für andere Hinweise aus der Zeit: vereinzelte Trainingseinheiten in Bergedorf (1920), ein „Kranzspiel” in Pulsnitz (1921) oder Universitätsteams in Berlin (1923).

Ein weiteres Indiz führt uns ins Jahr 1927. Es ist von der Teilnahme von Frauenteams an einer deutschen Hochschulmeisterschaft die Rede, die offiziell nach den Regeln der Männer gespielt wurde. Jedes Ereignis ist wie ein schwaches Signal aus der Vergangenheit, das auf eine reichhaltigere, verborgene Geschichte hindeutet – ein Spiel, das eventuell ohne Zuschauende, ohne Schlagzeilen und außerhalb des offiziellen Rahmens des Fußballverbandes stattfand.

Es gibt zwei Hauptgründe, warum aus dieser frühen Ära so viel unbekannt ist: Erstens wurde Frauenfußball einfach nicht als berichtenswert angesehen. Auch Männerfußball war in der öffentlichen Wahrnehmung noch nicht richtig angekommen. Frauen, die den Sport als Hobby ausübten – insbesondere vereinslos oder ohne Ligen – fanden in der Presse kaum Erwähnung. Zweitens, und noch entscheidender, gab es lange nur wenig ernsthafte historische Forschung zu den Anfängen des Frauenfußballs. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat nie eine umfassende Studie zur Geschichte des Frauenfußballs in Auftrag gegeben oder finanziert, insbesondere nicht für die Zeit vor 1970. Diese Lücke ist ideologisch bedingt: Da der DFB den Frauenfußball 1955 innerhalb seiner Strukturen offiziell verboten und erst 1970 „anerkannt” hat, liegt alles, was davor geschah, außerhalb der offiziellen Darstellung des Verbandes. Es ist nicht „seine” Geschichte.
Noch schlimmer ist, dass die Infrastruktur für die Forschung fehlt. Deutsche Zeitungsarchive sind nicht zentralisiert, und viele lokale Zeitungen aus dem frühen 20. Jahrhundert sind nicht oder unvollständig digitalisiert. Die Erforschung der Geschichte des Frauenfußballs bedeutet, hunderte von Stadtarchiven zu durchforsten, in der Hoffnung, einen Spielbericht oder auch nur ein Foto zu finden. Die Finanzierung für solche mühsame Arbeit ist nicht vorhanden. Und wenn man ehrlich ist: Fußballhistoriker*innen – die sich oft auf die Bundesliga der Männer, Weltmeisterschaften oder taktische Entwicklungen konzentrieren – lassen selten Platz für die Geschichten von Frauen.
Lotte Specht und der 1. DDFC
Doch gelegentlich schaffte es eine Spielerin, ein Team oder eine Bewegung, diese Barriere der Unsichtbarkeit zu durchbrechen. Im Jahr 1930 hat eine 19‑Jährige namens Lotte Specht aus Frankfurt eine Zeitungsanzeige geschaltet, in der sie Mitspielerinnen für ein eigenes Fußballteam suchte. Die Inspiration dafür entstammte ihrem lokalen Lieblingsverein, dem FSV Frankfurt. Sie erzählte später: „Meine Idee, die kam nicht nur aus der Liebe zum Fußballsport, sondern vor allem auch frauenrechtlerisch. Ich habe gesagt, was die Männer können, können wir auch.“ Zu ihrer Überraschung meldeten sich 35 Frauen. Und somit gründete Specht den „1. Deutschen Damen-Fußballclub“, den (nach aktueller Kenntnis) ersten rein weiblichen Fußballverein des Landes. Sie trainierten mit improvisierter Ausrüstung – weiten Herrenshorts, übergroßen Stiefeln, sogar Baskenmützen als Kopfschutz – und bestritten einige Spiele gegen Männermannschaften oder untereinander. Doch ihre Freude stieß bald auf Spott.
Zuschauende beschimpften die Spielerinnen vom Spielfeldrand aus. Zeitungen verspotteten sie als unfeminin. Menschen aus der Nachbarschaft boykottierten aus Protest die Metzgerei von Spechts Vater. Da es keine anderen aufstrebenden Frauenvereine gab, gegen die sie spielen konnten, und sie ständig öffentlich schikaniert wurden, löste sich der 1. DDFC nach nur einem Jahr auf. „Wir waren keine Revolutionärinnen, wir hatten einfach nur Spaß am Fußball … aber sie haben sogar Steine nach uns geworfen“, erinnerte sich Specht später. „Nach einem Jahr war der Traum vorbei.“
Ihr Traum war damit wieder beendet, doch der 1. DDFC hatte dennoch etwas Eindrucksvolles vollbracht: Noch vor dem 2. Weltkrieg gründeten Frauen eigene Vereine, organisierten Spiele und begannen damit, den Fußball-Kosmos stückweise für sich einzunehmen.
In den 1930er und 1940er Jahren verschwanden diese Funken von Emanzipation fast vollständig durch die diskriminierende Weltanschauung der Nazis. Das Regime des Nationalsozialismus (NS) setzte eine strenge Geschlechterideologie durch, die Frauen als Mütter und Hausfrauen verherrlichte. Sport wurde nur als Mittel zum Zweck geduldet, Frauen auf ihre Rolle als Mutter vorzubereiten. Fußball galt als grob, wettbewerbsorientiert und männlich und somit als völlig unangemessen. Der DFB sah sich 1936 genötigt, eine Mitteilung zu „Frauen und Fußballsport” zu veröffentlichen, in der betont wird, dass der „Kampfcharakter“ dem „Wesen der Frau“ widerspreche. Ob Frauen in der Zeit des NS Fußball gespielt haben, werden wir so vermutlich nie erfahren – die gleichgeschaltete Presse der NS-Diktatur wird mit Sicherheit nicht über solche unerwünschten Spiele berichtet haben.
Gegen jeden Widerstand: Frauen erobern die Fußballplätze
Im Trümmerfeld der Nachkriegszeit kehrten deutsche Frauen dann auch auf die Fußballplätze zurück. Sie hatten zwar immer noch keine Unterstützung aus Verbänden und keine eigenen Vereine, aber sie hatten Fußbälle, Plätze und wollten unbedingt spielen. Also taten sie es. Im industriellen Ruhrpott, im Rheinland und sogar im ländlichen Raum begannen Frauen – Fabrikarbeiterinnen, Hausfrauen und Studentinnen – ihre eigenen Teams zu gründen. Und als die 50er Jahre angebrochen waren, flogen endlich wieder Fußbälle durch Parks, Hinterhöfe oder improvisierte Plätze, die von Frauen geschossen, gepasst und gebolzt wurden.
Wer diese beeindruckenden Pionierinnen waren und was sie erlebt haben: Das erzählen wir euch im nächsten Teil.
Quellen:
Küppers, K. (2011). Als Lore den DFB besiegte
https://web.archive.org/web/20250713190738/https://taz.de/Als-Lore-den-DFB-besiegte/!288941/
Legende Verloren (2024). Die erste EM der Frauen – 1957. https://web.archive.org/web/20250318142333/https://bolztribuene.de/2024/05/14/die-erste-em-der-frauen-1957/
Leipziger Fußballverband e.V. (2010). 1900-1909. https://web.archive.org/web/20250426042028/http://www.leipziger-fussballverband.de/cms2/index.php?page=153
Reinert, B. (2020). Früher Frauenfußball in Bergedorf?. https://web.archive.org/web/20250420215025/https://blogs.sub.uni-hamburg.de/bergedorf/?p=8623
Hock, H.-P. (2012). Früher Frauenfußball in Dresden. https://web.archive.org/web/20240406050115/http://www.dd-henge-kickers.de/bilder/info/dd_f_fussball.pdf
Lönnecker, H. (2013). „… das macht man doch nicht!“ Frauenfußball an deutschen Hochschulen 1919-1935. In: Herzog, M. (2013), Frauenfussball in Deutschland: Anfänge–Verbote–Widerstände–Durchbruch, pp. 201-222. Kohlhammer.
Beves Welt (2011). Lotte Specht, eine Frankfurterin zwischen Kick und Kabarett. https://www.beveswelt.de/?p=3859
Tabarelli, P. (n.d.). Women’s football in Germany more than 50 years ago. In: Nachspielzeiten. https://nachspielzeiten.de/womens-football-germany-over-50-years-ago/
Schlehahn, B. (n.d.). Charmante Mädchen. In: Im Schatten des Fünfecks. https://imschattendesfuenfecks.de/kick-it-like/charmante-maedchen/
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