
Beraterin Čović: Wer es im Männerfußball nicht schafft, nimmt bei den Frauen einen zweiten Anlauf
Die Berichterstattung zum Fußball der Frauen schwankt seit Jahren zwischen Hype-Erzählung und Abgesang, während Verantwortliche längst munter den Fußball der Männer kopieren. Eine schwierige Gemengelage, auch für die Fans. Mit Spielerinnen-Beraterin Jasmina Čović sprechen wir über aktuelle Entwicklungen, spezielle Transferanforderungen, das Thema Lizenz und den Fall Esther González.

Investment muss strategisch sein
Rund um den Fußball der Frauen ist derzeit oft von Goldgräberstimmung zu lesen. Aber die sind weitergezogen, wenn ein Gebiet erschöpft war. Wird das hier auch passieren?
Das wissen wir in zehn Jahren. Der Frauenfußball entwickelt sich zum Glück aktuell gut, das wird hoffentlich so bleiben. Aber ich nehme schon Leute wahr, die sich nie dafür interessiert haben, hier etwas entwickeln. Und die werden meines Erachtens auch als erstes wieder weg sein, wenn es mal eine Zeitlang nicht so läuft.
Wie beurteilst du die finanzielle Entwicklung in Deutschland?
Ich finde es richtig, wenn Themen sich Schritt für Schritt entwickeln, das gilt auch für den Fußball der Frauen. Klar gibt es mittlerweile Märkte, da wird mit riesige Summen um sich geworfen, aber ich weiß nicht, ob das nachhaltig ist. Letztlich wird das die Zeit zeigen. Es braucht strategisches Investment, klar, aber scheinbar ohne Sinn und Verstand vereinzelt Geld reinzupumpen, davon halte ich nicht viel. Zumal es auch den Wettbewerb verzerrt.

Als Studentin hilft Jasmina Čović 2014 während eines Praktikums, eine Spielerin zu vermitteln. Und stellt fest, die Aufgabe liegt ihr und macht Spaß.
Inzwischen leitet sie seit rund zehn Jahren erfolgreich die „Women‘s Football Agency“ und hat 2024 zudem die Plattform „The Rise of Women’s Football“ gegründet.
Derzeit drängen viele neue Beratungsagenturen in den Fußball der Frauen. Kommen die aus dem Männerfußball oder sind es eher Neugründungen?
Mit meiner Plattform für Frauenfußball „The Rise Of Women’s Football“ haben wir dazu eine Auswertung gemacht und mittlerweile sind über 300 Agenturen in den Top-Fünf-Ligen aktiv. Manche kommen aus dem Männerfußball, einige wurden neu gegründet und teils haben die mit bisherigem Fokus auf Männer solche für Frauen aufgekauft, ähnlich wie bei Vereinen.
Keine vertragliche Exklusivität
Berater*innen müssen von der FIFA lizensiert sein, längst nicht alle, die am Markt unterwegs sind, haben aber eine Lizenz. Wie ist das möglich?
Das ist ein schwieriges Thema. Das System lässt da bisher einiges zu, beispielsweise, dass Leute die Verträge für Spielerinnen aushandeln und dann unterschreibt eben jemand, der eine Lizenz gemacht hat. Wenn in der Agentur eine Person zeichnen kann, reicht das dem einen oder anderen. Oder man bezahlt einen dritten externen Berater.
Findest du eine Lizenz als Standard sinnvoll? Und wie bewertest du sie inhaltlich?
Eine vorgeschriebene Lizenz finde ich wichtig. Aber aktuell stellt sie keine Qualifizierung dar, sondern sorgt nur dafür, dass es überhaupt ein Einstiegskriterium gibt. Die Prüfung hat es in sich. Allerdings haben die Fragen mit dem Beraterjob wenig zu tun. Das ist eher ein Test für Vereinsmanager, die Registrierungen für Spielerinnen machen.
Beim Transfer von Top-Spielerinnen steht allein der Sport im Fokus, grundsätzlich gibt es bei Spielerinnen viele Themen neben dem Platz, die beim Wechsel auch wichtig sind, wie Job oder Studium. Die aufwändigeren Transfers sind insofern nicht die lukrativsten, oder?
Das ist tatsächlich so. Beim Wechsel von Top-Spielerinnen fallen oft weniger Themen an. Durch die Einnahmesituation im Fußball der Frauen muss darunter aber auch neben dem Platz viel passen. Die Erwartungshaltung an Beraterinnen nimmt zu, gerade bei jüngeren Spielerinnen – und durch die Eltern. Da passt Invest und Ertrag noch gar nicht zusammen. Aber man baut natürlich Beziehungen auf, auch in der Hoffnung, dass sich das auszahlt. Mir geht es vor allem um Vertrauen und Kontinuität. Wenn diese Basis in der Zusammenarbeit stimmt, kann Großes entstehen.
Gleichzeitig gilt in Deutschland aber, anders als beispielsweise England, keine vertragliche Exklusivität. Wenn du eine Spielerin über Jahre betreust, schützt dich kein Vertrag der Welt davor, dass sie plötzlich weg ist. Würdest du dir da Änderungen wünschen?
Absolut. Ich habe es zuletzt bei einem Kollegen erlebt, der die Transfers mit zwei wichtigen Spielerinnen so gut wie durchhatte. Dann wurden sie ihm abgeluchst und der Neue hat die Wechsel zu Ende gebracht. Das hat mich ehrlicherweise schon geschockt, weil du letztlich Gefahr läufst, viel Arbeit zu investieren, die jemand anders abgreift. Egal, was da im Detail vorgefallen ist, das ist nicht in Ordnung und die Möglichkeit sollte einfach nicht bestehen. Denn klar ist, du kannst das als Beraterin nur aushalten, nicht juristisch dagegen vorgehen, weil du kaum etwas in der Hand hast. Und du kannst in dem Job keine Spielerin verklagen.
Bücher packen mit Laura Freigang
Der Wert von Sponsoring-Verträgen nimmt für Spielerinnen immer mehr zu. Ist da Laura Freigang, mit der du seit vielen Jahren arbeitest, ein Paradebeispiel?
Grundsätzlich arbeite ich ja nicht alleine, sondern habe ein Team aus sehr guten Experten. Die Zusammenarbeit mit Laura ist etwas Besonderes, auch, weil wir uns schon viele Jahre kennen und vertrauen. Wenn du eine Persönlichkeit wie Laura hast, die so besonders ist in diesem Kosmos Frauenfußball, macht das meinen Job auch leichter. Ich würde Spielerinnen nie versprechen, zig Sponsoren für sie aufzutun, das muss man von Fall zu Fall anschauen. Aber natürlich setze ich mich auch da für jede meiner Spielerinnen ein.

Das geht so weit, dass du auch mal tagelang Bücher verpackst und verschickst …
Ja, die Geschichte vergesse ich nie. Lauras Fotobuch haben wir komplett alleine gerockt. Der Verlag, der die Idee dafür hatte, wollte das nach dem historischen Ausscheiden bei der WM 2023 nicht mehr machen, weil sie dachten, das kauft niemand. Also haben Laura und ich uns gesagt: Lass selbst machen! Ohne zu wissen, wie macht man ein Buch? Dann haben ihre und meine Familie sich zwischen Weihnachten und Silvester in einem Lager in der Pfalz getroffen und wir haben 4.500 Bücher verpackt. Super anstrengend, aber auch super besonders.
Aktuell ist Laura in einer schwierigen Situation: Die Nationalen Anti-Doping-Agentur wirf ihr drei Meldeversäumnisse, so genannte Strikes, vor, der Fall liegt beim DFB, ihr droht eine Sperre. Wie verändert das deine Rolle in Bezug auf die Spielerin?
Ich sage gerne, mir sind als Beraterin schon die besten Dinge passiert, die sonst im Fußball der Frauen noch niemand erlebt hat, aber jetzt auch eine der schwierigsten Situationen. Diese Herausforderung schweißt uns nochmal mehr zusammen, als das ohnehin schon der Fall war. Helmut Schmidt soll mal gesagt haben: In der Krise zeigt sich der wahre Charakter. Das gilt auch für Stärke. Wir haben ein super Team zusammengestellt und versuchen diese Situation zu lösen. Meine Aufgabe ansonsten ist es, einfach da zu sein wo ich gebraucht werde.
Wer es bei den Männern nicht schafft …
Die Strukturen im Fußball der Frauen sind weiterhin sehr heterogen. Wie gut sind, gerade außerhalb Deutschlands, die Möglichkeiten, sich ein genaues Bild von Clubs zu machen?
Vereine, die Angebote ernst meinen, laden dich oft ein, um sich vor Ort einen Eindruck zu verschaffen. Besonders hilfreich finde ich aber, in den Austausch mit Menschen zu gehen, die einen Club kennen, ehemalige Spielerinnen, Coaches und andere Verantwortliche. Da ist mein langjähriges, internationales Netzwerk natürlich ganz wichtig für mich, um Informationen einzuholen. Viele Vereine investieren mittlerweile nennenswert in die Struktur, da hat sich einiges getan. Ein Problem, das ich sehe, ist, dass im Frauenfußball regelmäßig Personen in Positionen gehoben werden, denen die Qualifikation oder die Sozialkompetenz fehlt, oder beides. Gerne auch Leute, die es im Männerfußball nicht geschafft haben und die bei den Frauen einen zweiten Anlauf nehmen. Das sorgt für schlechte Stimmung im Verein, beim Team und den Beratungsagenturen.


Wie empfindest du im Gegensatz dazu die Zusammenarbeit mit ehemaligen Spielerinnen, die heute verantwortliche Positionen in Clubs bekleiden – wie Babette Peter bei Eintracht Frankfurt?
Man muss unterscheiden zwischen Spielerinnen, die neben der aktiven Zeit an einer privaten Hochschule studieren und danach direkt meinen, sie sind bereit für einen Managerinnenjob. Nein, sind sie nicht. Und dann hast du Leute wie Babett Peter, die eine fantastische Karriere hingelegt und anschließend in den USA als Assistant General Manager bei Chicago Red Stars abseits des Rampenlichts die wichtigen Themen gelernt hat. Insofern kann man der Eintracht jetzt nur zu ihrer hochkompetenten Sportdirektorin gratulieren. Ähnlich ist das in München mit Bianca Rech, die auch einen beeindruckenden Weg gegangen ist.
González-Wechsel als Schock für die Fans
Schlagzeilen gemacht hat der Wechsel von Weltmeisterin Esther González nach Saudi-Arabien. Medien berichten, dass sie danach die Fotos ihrer Frau und des Kindes online gelöscht hat. Wie hast du das wahrgenommen?
Wechsel nach Saudi-Arabien sind mittlerweile nicht mehr neu, auch nicht bei Spielerinnen in gleichgeschlechtlichen Beziehungen. Allerdings sind die dann eher nicht öffentlich out. Das macht Esther González schon zu einem speziellen Fall – zuletzt war sie ja mit Gotham FC bei einem Verein, der sich im Gegensatz dazu stark für queere Rechte einsetzt.

Würdest du so einen Wechsel als Beraterin unterstützen?
Ich versuche immer, sowas von mehreren Seiten zu sehen. Esther González ist eher am Ende ihrer Karriere, natürlich kann ich den Gedanken verstehen, da durch diesen Wechsel so viel wie möglich rauszuholen, um sich abzusichern. Und man kann sicher davon ausgehen, dass für sie besondere Regeln gelten werden. Was ich trotzdem nicht nachvollziehen kann ist, in ein Land zu gehen, in dem die eigene Art zu leben unter Todesstrafe steht. Ich könnte es an ihrer Stelle nicht, gleichzeitig erlaube ich mir da aber kein Urteil.
Für die sehr queere Fan-Community im Fußball der Frauen ist der Wechsel extrem schmerzhaft.
Ja, aber machen wir uns nichts vor, wenn es ums Geld geht, werfen viele Spielerinnen ihre Werte und Überzeugungen genauso schnell über Bord wie ihre männlichen Kollegen.
Man könnte manchmal den Eindruck bekommen, das, was im Fußball der Männer kritisch oder negativ gesehen wird, landet besonders schnell auch bei den Frauen …
Ich bin der Meinung, dass wir leider sehr, sehr stark dahin tendieren, Sachen 1:1 von den Männern zu übernehmen. Das liegt einerseits daran, dass Frauen aus dem Männerfußball quersubventioniert wird. Es liegt aber auch daran, dass Leute die Richtung vorgeben, die bisher im Männerfußball unterwegs sind und den Frauenfußball nicht kennen, die nicht verstehen, wie wichtig es ist, die Eigenheiten zu bewahren, ihm eine eigene Richtung zu geben und keine Kopie der Männer daraus zu machen. Aktuell übernehmen wir da viele negative Dinge leider, das halte ich für einen großen Fehler.
Neben deiner Tätigkeit als Beraterin hast du vor zwei Jahren die Plattform „The Rise of Women’s Football“ gegründet. Was ist die Idee dahinter?
Wir haben „The Rise of Women’s Football“ 2024 gegründet als ein einzigartiges globales Frauenfußballprojekt, was das ganze Ökosystem Frauenfußball abdecken und viele Lücken schließen soll. Wir veröffentlichen Businessnews, haben eine Jobbörse, eigene Events. Ich bin besonders stolz auf New York: Wenn der kleinen Jasmina aus der Pfalz jemand gesagt hätte, du machst später mal eine Veranstaltung in Midtown Manhattan, dann hätte sie das nicht geglaubt! Wir wollen Sichtbarkeit für die Top-Fünf-Ligen und echte Vernetzung, Menschen zusammenzubringen, auch junge. Ich bin für dieses Start-up echt ins Risiko gegangen – aus absoluter Überzeugung!
