Schiedsrichterin Riem Hussein lächelt und formt über ihrem Kopf mit beiden Händen ein Herz, ihr Blick geht schräg nach oben zu den Publikumsrängen.

„Es gibt immer nur einen Anpfiff“ – Riem Hussein im Interview

Mehr als zwei Jahrzehnte lang gehörten neue Spielklassen, internationale Turniere und historische Einsätze zu Riem Husseins Laufbahn. Im Mai hat sie ihre Karriere auf dem Platz beendet. Fünf Fragen über erste Anpfiffe, das Leben danach und darüber, wie weit der Weg zur Normalität für Schiedsrichterinnen im Fußball der Männer noch ist.

Als Riem Hussein 2015 in die 3. Liga aufstieg, war sie nach Bibiana Steinhaus-Webb erst die zweite Schiedsrichterin im deutschen Profifußball der Männer. Elf Jahre später stehen mit Davina Lutz, Fabienne Michel und Franziska Wildfeuer gleich drei Schiedsrichterinnen auf der Liste der 3. Liga. Eine Entwicklung, die Hussein selbst als ein Stück gewachsene Normalität beschreibt – auch wenn bei der öffentlichen Akzeptanz noch Luft nach oben sei.

Hussein hat diese Entwicklung über mehr als zwei Jahrzehnte selbst mitgeprägt. Seit 2005 gehörte sie dem DFB-Schiedsrichterinnenkader an, leitete ab 2006 Spiele der Frauen-Bundesliga und war von 2009 an auch international für die FIFA im Einsatz. Zu ihren Turnieren gehörten unter anderem die Weltmeisterschaft 2019 in Frankreich und die Europameisterschaften 2017 und in den Niederlanden 2022 in England; 2021 leitete sie das Finale der Women’s Champions League zwischen Chelsea und Barcelona. Sie war zudem fünfmal Schiedsrichterin des Jahres.

Parallel war sie viele Jahre auch im Fußball der Männer aktiv. Im Mai 2026 endete ihre Laufbahn auf dem Platz nach beispiellosen 156 Spielen in der 1. Bundesliga der Frauen. Dem Schiriwesen bleibt Hussein dennoch erhalten: Sie arbeitet weiterhin als Video-Assistentin und coacht im DFB-Bereich drei Schiedsrichter*innen. Zeit also für fünf Fragen über Abschied, Anfänge und die Frage, was nach den „ersten Frauen“ kommen muss.

Riem Hussein und ihr Team vor dem Anstoß, sie stehen in einer Reihe und posieren für Fotos und die Fernsehkamera (im Bildvordergrund), Hussein bekommt Blumen und ein Plakat mit den Worten "Danke Riem" überreicht.
Riem Hussein vor ihrem letzten Spiel, der Partie HSV gegen Bayern München am 17.05.2026. Foto: IMAGO/Lobeca.

Riem Hussein im Interview

Nach mehr als zwei Jahrzehnten als Schiedsrichterin hast du im Mai deine Karriere auf dem Platz beendet. Was hat sich seitdem für dich verändert – und gibt es etwas am Pfeifen, das du jetzt schon vermisst?

Ich trainiere nun völlig nach meinen Interessen und mache nur noch das, was mir wirklich Spaß bereitet und mir guttut. Ich kann mich nun voll und ganz auf meine Aufgaben im Video Assist Center in Köln fokussieren und coache zudem im DFB-Bereich noch drei Schiedsrichter*innen. Was mir fehlt, ist es, mein Schiri-Team auf die Spiele einzustimmen und auf dem Platz zu führen sowie der Umgang mit den Spieler*innen rund um das Spiel.

Wenn du auf deine Karriere zurückblickst: Welches Spiel oder welcher Moment ist dir besonders im Gedächtnis geblieben – vielleicht auch einer, der von außen gar nicht als der große Meilenstein wahrgenommen wurde?

Für mich sind Aufstiege in höhere Spielklassen oder internationale Schiedsrichterkategorien immer sehr bedeutsam gewesen und im Gedächtnis geblieben. Es gibt immer nur einen Anpfiff in einer neuen Spielklasse oder bei einem Turnier, das man das erste Mal pfeifen darf. Zudem sind Spiele mit hohem medialen Aufkommen sehr prägend, beispielsweise die Spiele bei der WM in Frankreich 2019.

Lindsey Horan (inzwischen Heaps) im weißen USA-Trikot links geht lächelnd auf Hussein zu, die ihr seitlich eine Hand auf den Arm legt udn zu ihr spricht.
Während der WM 2019: Die USA mit Lindsey Heaps spielten in der Gruppenphase gegen Chile (3:0). Hussein pfiff außerdem das Gruppenspiel zwischen Brasilien und Jamaika sowie das Achtelfinale zwischen Norwegen und Australien. Foto: IMAGO/Beautiful Sports.

Du warst 2015 nach Bibiana Steinhaus-Webb erst die zweite Schiedsrichterin im deutschen Profifußball der Männer. In dieser Saison stehen mit Davina Lutz, Fabienne Michel und Franziska Wildfeuer drei Frauen auf der Liste der 3. Liga. Ist das für dich inzwischen ein Stück Normalität – oder sind wir davon noch weiter entfernt, als diese Zahlen vermuten lassen?

Ich freue mich sehr, dass wir momentan drei weibliche Unparteiische und zwei Schiedsrichter-Assistentinnen in der 3. Liga haben. Es hat mehr Normalität angenommen als noch vor zehn Jahren, aber da geht sicherlich noch mehr in Sachen öffentlicher Akzeptanz. Immerhin haben aber Frauen inzwischen auch bei zwei Weltmeisterschaften der Männer ihre Spiele geleitet, und das Schiriwesen professionalisiert sich auch bei den weiblichen Unparteiischen zunehmend.

Du möchtest deine Erfahrung künftig auch als Beobachterin und Coach an jüngere Schiedsrichter*innen weitergeben. Gibt es etwas, das du einer jungen Schiedsrichterin heute mitgeben kannst, das dir selbst zu Beginn deiner Karriere gefehlt hat?

Ich hatte das große Glück, dass ich zu Beginn meiner DFB-Laufbahn von sehr erfahrenen Schiri-Kolleginnen auf dem Platz begleitet wurde. Dass man aber bereits in jungen Jahren an bestimmten Aspekten der Fitness und Ernährung mit Profis arbeiten sollte, hätte mir im Laufe meiner Karriere sicherlich geholfen, falsche Bewegungsmuster, die zu Verletzungen geführt haben, zu vermeiden.

Die Schiedsrichterinnen in neongelben Trikots und schwarzen Hosen von links nach recht mit hinter dem Rücken verschränkten Armen, leicht von der Seite: Katrin Rafalski, Riem Hussein, Anna Kulcsar und Sara Telek.
Katrin Rafalski, Riem Hussein, Anna Kulcsar und Sara Telek vor dem Finale die UEFA Women’s Champions League 2021 zwischen Chelsea und Barcelona. Foto: IMAGO/Sports Press Photo.

Du hast in deiner Laufbahn viele „erste Male“ und historische Schritte miterlebt. Woran würdest du in zehn Jahren erkennen, dass Frauen im Schiriwesen wirklich angekommen sind – also dass wir über die nächste „erste Frau“ gar nicht mehr sprechen müssen?

Wenn wir eine deutlich höhere Quote an weiblichen Unparteiischen in den Profispielklassen, aber auch in hohen Amateurspielklassen der Männer hätten. Wenn es mehr Frauen gäbe, die es schaffen können, sichtbar bei (großen) Turnieren oder Spielen im Männerbereich Spiele zu leiten, dann wären wir diesem Gedanken deutlich näher.

Beitragsbild: IMAGO/Hartenfelser

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Petra Tabarelli ist Fußballhistorikerin und -journalistin. Die Spezialistin für die Entwicklung der Fußballregeln schreibt für die DFB-Schiedsrichter-Zeitung, ist als Expertin im Deutschlandfunk zu hören und hat als Beraterin fürs IFAB gearbeitet. Tabarelli ist Mitglied des prämierten Kollektivs „FRÜF“ und setzt sich in der web.de-Kolumne für eine stärkere Präsenz und Förderung von Schiedsrichterinnen im Fußball der Männer ein. 2023 wurde sie zum Mitglied der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur ernannt. Zudem hat die Expertin die erste Biografie über den zu Lebzeiten sehr bekannten Simon Rosenberger geschrieben, einen jüdischen Fußball-Pionier und Begründer der DFB-Schiedsrichter-Zeitung, der zuvor aus der Geschichte getilgt worden war.

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