Alexandra Popp links im Bild im silbernen Auswärtstrikot des VfL Wolfsburg, hinter ihrem Rücken der grün-weiße Wolfsburger Fanblock.

VfL Wolfsburg: Was kommt nach dem Ende dieser Ära?

„Momentan ist der FC Bayern einfach die Benchmark im deutschen Frauenfußball, das muss man neidlos anerkennen“, sagte Wolfsburgs Trainer Stephan Lerch auf der Pressekonferenz nach dem DFB-Pokalfinale, das sein Team mit 0:4 verloren hatte. Es ist noch nicht so lange her, dass man sich in Wolfsburg an dem Begriff „Wachwechsel“ massiv störte, bezogen auf eine endende Ära der Dominanz des VfL, abgelöst vom FC Bayern München. Inzwischen muss man festhalten, dass sich genau das zu bewahrheiten scheint.

Es ist entgegen der auf mangelnder kollektiver Erinnerung beruhenden häufigen Darstellung zuletzt nicht neu, dass ein einziges Team das Nonplusultra im (west-)deutschen Fußball der Frauen ist. Nur welcher Klub das ist, hat sich über die Jahrzehnte immer wieder mal geändert. Mit spannenden Übergangsjahren dazwischen, in denen es jeweils einen Zwei- und in den 90ern häufiger mal einen ernsthaften Dreikampf gab (was für ein Luxus!) zwischen dem dominanten Verein und den neuen Herausforderinnen, bis diese schließlich das neue dominante Team geworden sind: Von der SSG 09 Bergisch Gladbach über den TSV Siegen, den FSV und den 1. FFC Frankfurt, Turbine Potsdam, den VfL Wolfsburg und nun eben den FC Bayern München lässt sich in dieser Hinsicht durchaus eine grobe Linie ziehen.

Teamfoto der SSG 09 Bergisch Gladbach in blauen Trikots mit weißen Hosen, die Torhüterin Hannelore Geilen in schwarz-gelb in der Mitte winkt mit ihren Handschuhen in der einen Hand und links am Bildrand hält eine Spielerin eine kleine silberne Trophäe.
Die ersten DFB-Pokalsiegerinnen der SSG 09 Bergisch Gladbach. Statt der heutigen Trophäe gab es damals eine silberne Dokumentrolle mit einem Lorbeerzweig. Bergisch Gladbach gewann den Pokal in den ersten vier Jahren seiner Austragung dreimal. Foto: IMAGO/WEREK

Wo ist die Fußballromantik?

Der aktuelle Rollentausch zwischen Wolfsburg und Bayern führte zu einer medialen Unterhaltung, als vor dem DFB-Pokalfinale in der Süddeutschen Zeitung gefragt wurde: „Double oder Fußballromantik?“, und die Wolfsburger Allgemeine Zeitung die Gleichsetzung des VfL mit Romantik und Tradition geradezu süffisant vertiefte. Darüber werden vermutlich viele Fans aus dem Fußball der Männer den Kopf schütteln. Zumal die Frauenabteilung des VfL 2003 durch die Übernahme des WSV Wolfsburg gegründet wurde (der Vorgängerverein VfR Eintracht Wolfsburg bestand seit 1973) und die des FC Bayern bereits 1970.

Aber die Frage danach, was Traditionen und Fußballromantik im Fußball der Frauen eigentlich bedeuten, wird sich in Zukunft noch häufiger stellen, wenn immer mehr Vereine in den ersten beiden Ligen spielen, deren Frauenabteilungen teilweise in Menschenjahren noch nicht mal das Grundschulalter erreicht haben. Oder wie man über Konstrukte im Fußball der Männer dann gerne sagt: „Dieser Modetrend/diese Unterhose/dieses Meme hat mehr Tradition als ihr.“

Auffällig ist, dass es bisher keiner der überholten Vereine im Fußball der Frauen nochmals nachhaltig zurück an die Spitze geschafft hat, um eine neue Erfolgsära zu prägen. Mit einer leichten Einschränkung zu Frankfurt in neuer Struktur bei der Eintracht, wobei diese noch keinen Titel gewonnen hat. Diese Entwicklung hat einerseits natürlich mit den strukturellen Umbrüchen und Verdrängungsprozessen zu tun, wie sich an den genannten Vereinsnamen ablesen lässt. Aber es stellt sich schon die Frage, ob es auch für den VfL Wolfsburg gilt. Und welchen Wandel es beim Publikum durch diese neue Dominanzphase mittel- bis langfristig geben könnte.  

Bisher waren es im Fußball der Frauen eben nicht dieselben Vereine wie im Fußball der Männer, die jeweils eine eigene erfolgreiche Ära geprägt haben. Die Parallelität, dass in beiden Bereichen mit Bayern München ein Verein klar vorweg geht, ist neu, auch wenn Wolfsburgs Männer zwischendurch Titel gewonnen haben. Für alle Fußballfans, die es nicht mit Bayern München halten, war das durchaus etwas, dass die Wettbewerbe der Frauen zusätzlich interessant gemacht hat. Wer möchte schon immer mehr vom Gleichen?

Alexandra Popp verabschiedet sich mit titelloser Saison

Innerhalb des Fußballs der Frauen gab und gibt es ebenfalls eine gewisse Müdigkeit über als zu lang wahrgenommene Titelstrecken ein und desselben Vereins. Das Publikum in Köln besteht – ebenfalls traditionell – zu einem großen Teil aus neutralen Zuschauer*innen, das liegt nicht zuletzt am Festcharakter des Rahmenprogramms. Es gibt Menschen und Gruppen, für die Köln unabhängig von der sportlichen Besetzung des Finales zu einem festen jährlichen Treffpunkt geworden ist.

Dementsprechend wechselnd ist die Zuneigung der neutralen Fans von Jahr zu Jahr, oft geht sie eher an den Underdog, in den letzten Jahren also häufig die Gegnerinnen des VfL Wolfsburg. In diesem Jahr war der VfL selbst erstmals in dieser Rolle. Zusätzlich hatte der bevorstehende Abschied von Alexandra Popp einen großen Anteil an den gedrückten Daumen. Viele, die in den letzten Jahren zu Freiburg, Frankfurt, Potsdam, Essen, Sand und ja, auch den Bayern, gehalten hatten, hätten Popp diesen Titel, „ihren“ Titel gegönnt. Ob sie in ihren vertraglich drei bevorstehenden Jahren mit Borussia Dortmund noch einmal diese Chance bekommt, ist fraglich.

Alexandra Popp und Stephan Lerch stehen nebeneinander, beide haben silberne Medaillen von verlorenen DFB-Pokalfinale 2026 um den Hals hängen. Sie stehen Spalier für die Bayernspielerinnen. Popp blickt ernst zu Boden, Lerch mit zusammengekniffenem Mund zur Seite.
Popp und Lerch bei der Siegerinnen-Ehrung. Foto: IMAGO/Oliver Vogler

„Jeder hat gesehen, dass ich in Tränen ausgebrochen bin“, so Popp, „Dass auf der einen Seite die Enttäuschung extrem groß war, aber auf der anderen Seite auch der Fakt dazukam, dass es mein letztes Pokalfinale gewesen sein könnte. Und dementsprechend emotional war ich auch, weil ich in den vielen Jahren eine gewisse Bindung zum Pokalfinale, zum Pokal selbst hatte. Und gleichzeitig war es auch mein vorletztes Spiel mit dem VfL Wolfsburg. Ich habe 14 Jahre beim VfL gespielt, ich habe hier viel zu viel erlebt. Ich habe mich hier entwickelt hier, sportlich wie persönlich. Ich empfinde sehr viel Dankbarkeit dem Verein gegenüber.“

Wolfsburgs Trainer Lerch lobte an Popp „eine enorme Qualität, auch Mentalität, die geht verloren für den VfL Wolfsburg. Das ist eine Riesenlücke, die da klafft. Von der Persönlichkeit, von ihrem Charakter, ist Alex Popp für mich einmalig und hat den Frauenfußball bis hierhin enorm geprägt. Nicht nur in Wolfsburg, sondern auch über die Grenzen hinaus. Wenn eine Lücke entsteht, wird es irgendwann wieder jemand sein, der da reingeht. Aber das wird sicherlich auch noch ein bisschen dauern, weil diese Fußstapfen, die sie hinterlassen hat, sind schon enorm groß.“

Nachfolge von Ralf Kellermann weiter offen

Wie es in Wolfsburg angesichts der vorerst verlorenen Vormachtstellung und einem großen personellen Umbruch weitergeht, dürfte spannend werden. Lerch sagte, Wolfsburg habe „einen Standortnachteil im Vergleich zu anderen Klubs“, man brauche gute Argumente, um konkurrenzfähig zu bleiben und Spielerinnen zu halten.

Ralf Kellermann im schwarzen Anzug vor der Wolfsburger Bank im Kölner Stadion beim DFB-Pokalfinale 2026, er klatscht in die Hände und schaut in die Ferne. Links und rechts neben ihm stehen der Physio und der Zeugwart der Wolfsburgerinnen.
Wolfsburgs Physiotherapeut Omar Rüppel, der Sportliche Leiter Ralf Kellermann und Zeugwart Jörg „Kulle“ Schmidt. Foto: IMAGO/Sven Simon

Wer diese Argumente in Zukunft in erster Linie entwickeln soll, bleibt vorerst offen, weil nach wie vor nicht klar ist, wer Nachfolger*in von Ralf Kellermann wird, der Wolfsburgs Dominanz in mehr als 20 Jahren in verschiedenen Rollen geprägt hat wie kein anderer. Auch eine neue Sportgeschäftsführung gibt es beim VfL noch nicht. Der Kicker berichtete in dieser Woche, dass ein Interview mit Kellermann vom Verein nicht autorisiert wurde, obwohl dieses nur positive Äußerungen über den VfL enthalten habe.

Auf die Frage, ob er Angst habe, den zweiten Platz in der Liga überhaupt halten zu können, antwortete Lerch: „Angst nicht. Aber wir haben einiges zu tun.“ Als Beispiele nannte er den Staff und die Infrastruktur. Gerade für letztere hatte der inzwischen entlassene Geschäftsführer Peter Christiansen längst überfällige Verbesserungen versprochen, aber nicht umgesetzt.

Die Abschiede von Popp und Kellermann zu Dortmund führen zunächst in die Regionalliga, bestenfalls die zweite Liga. Für Popp erfüllt sich mit dem Wechsel zum BVB ein Kindheitstraum. Es zeigt bei beiden auch einen Gestaltungswillen und sagt vielleicht auch etwas darüber aus, wie sie die Perspektive beim VfL bewerten. Diejenigen, die den deutschen Fußball der Frauen vermarkten wollen, würden sich darüber freuen, wenn Dortmund möglichst schnell in der obersten Liga ankäme und dort zur neuen Nummer Zwei würde, mit Ambitionen eine mögliche bayerische Dominanzphase anzugreifen.

Über Alexandra Popp beim DFB-Pokalfinale 2026 hat Lisa Seiler auf 11Frauen geschrieben.

Beitragsbild: IMAGO/IPA Photo

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Annika Becker berichtet als freiberufliche Journalistin unter anderem für sportschau.de über die Bundesliga der Frauen und beleuchtet die strukturellen wie sportlichen Themen im Fußball. Seit 2022 gehört sie zur Jury des Guardian für die Wahl der „100 Best Female Footballers In The World“. Becker ist Teil der Crew von „FRÜF – Frauen reden über Fußball“, ansonsten ist als Expertin zum Beispiel im DLF oder bei der BBC zu hören - und natürlich bei "Becker & Pfeiffer - Der Fußballpodcast". An den Wochenenden findet man sie auch privat meist im Stadion, denn Beckers Fußball-Herz schlägt für zwei Ruhrgebietsvereine: den FC Schalke 04 und die SGS Essen.

One thought on “VfL Wolfsburg: Was kommt nach dem Ende dieser Ära?”

  1. Vielen Dank!
    Die Erinnerung an frühere Größen ist in jeder Sportart nicht nur wichtig, sondern hebt auch die Sportart auf ein höheres Niveau des Interesses ihrer Anhänger. Nur wer in Erinnerungen an Idole schwelgen kann, wird dauerhaft Anhänger bleiben. Das gilt nach meiner Meinung für Vereine und Spieler*innen in gleichem Maße.

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