
Türchen 22. Über Sexismus im Fußball reden – aber wie?
Beim Drittligaspiel zwischen dem SC Verl und Rot-Weiss Essen wird im Frühjahr die Schiedsrichterin diskriminierend beleidigt. Aus dem Umgang mit dem Vorfall lassen sich auf verschiedenen Ebenen wichtige Erkenntnisse mitnehmen.
Im Fußball der Männer lässt es sich als Frau nur mit hoher Ambiguitätstoleranz aushalten. Weil dieser Ort einerseits ein wichtiger ist, der viel zu geben hat – den Sport selbst, Werte, Gemeinschaft, Freizeitgestaltung, Zugehörigkeitsgefühl – andererseits aber Sexismus und sexualisierte Gewalt extrem präsent sind.
Und nicht nur das, oftmals werden sie in ihrer Bedeutung heruntergespielt oder mit einer „Boys will be boys“-Haltung als etwas markiert, das dazugehört, so ist das halt. Frauen und andere nicht cis männliche Personen müssen das in dieser Logik aushalten – oder gehen.
Sexismus im Berufsfeld Sport
Nun ist Fußball aber für einige von ihnen neben dem bereits benannten auch Teil ihrer Arbeit, ob nun im Hauptjob oder bei einem erweiterten Hobby. Was wiederum bedeutet, der Sexismus im Sport betrifft sie neben dem privaten auch im beruflichen Kontext. Manchmal verändert das den Blick von außen, manchmal bleiben die Abwehrreflexe dieselben.

Als die Schiedsrichterin Fabienne Michel bei der Drittliga-Partie zwischen dem SC Verl und Rot-Weiss Essen im Frühjahr von Essener Fans sexistisch beleidigt wird, verbunden mit Gewaltfantasien, erregt das zunächst kaum Aufmerksamkeit. Es ist die Journalistin Nora Hespers, die für die Sportschau zuerst ausführlich darüber berichtet. Das kann sie auch deshalb, weil ein WDR-Reporterteam beim Spiel vor Ort war und Aufnahmen existieren.
Das Schweigen der Kollegen
Neben deutlich vernehmbaren „Hure, Hure“-Rufen ist auf dem Band zu hören, wie die Fans „Die Blonde wird gef*** olé, olé“ anstimmen. Weitere Passagen sollen hier nicht noch einmal zitiert werden. Der DFB als Verband wird durch die Berichterstattung auf das Thema aufmerksam. Michel selbst äußert sich im Nachgang zunächst nicht. Was aber unmittelbar losrollt, ist eine Welle von Reaktionen in klassischen und sozialen Medien.
Neben Artikeln, die sich mit strukturellem Sexismus im Fußball beschäftigen, entsteht eine öffentliche Diskussion darüber, ob Michel die diskriminierenden Aussagen denn überhaupt gehört habe. Zudem sind in sozialen Medien wie auch Fanforen Beiträge der Marke „Sexismus ist nicht okay, aber …“ zu lesen. Einige männliche Protagonisten aus dem Fußball glänzen mit den üblichen Abwehrreflexen, die meisten schweigen.

Als negativer Beigeschmack wird Hespers eine Fehde mit RWE angedichtet. Dass die Journalistin auf die Art in den Fokus gerät, verwundert ebenso wenig wie die Tatsache, dass die notwendige inhaltliche Auseinandersetzung fast ausschließlich von Journalistinnen geführt wird. Auch Solidaritätsbekundungen sind rar gesät.
Verdächtig, wer am Status quo rüttelt
Es zeigt sich sehr deutlich ein zweites strukturelles Problem: Journalistinnen, die Diskriminierungsformen nicht nur im Fußball verhandeln, wird – gerade aus gewissen Ecken des politischen Spektrums – gerne Aktivismus vorgeworfen. Ähnliches gilt für Kolleginnen, die über den menschengemachten Klimawandel berichten oder sich mit Themen sozialer Ungleichheit befassen. Stark verkürzt könnte man sagen, wer Themen behandelt, die am Status quo rütteln, gilt als aktivistisch – und das wiederum als kritikwürdig. Wer davon profitiert, sollte offensichtlich sein.
Zurück zur benannten Causa. Es macht in der Tat überhaupt keinen Unterschied, ob Michel die Gesänge gehört hat oder nicht, entscheidend ist, dass sie stattgefunden haben. Michel ist schließlich nicht die einzige Person im Stadion, die dadurch potentiell Schaden erleiden kann. Sexismus und Gewaltandrohungen haben (auch) auf den Rängen nichts verloren und müssen geahndet werden, unabhängig davon, ob sie ihre*n Adressat*in erreichen. Unzulässig ist zudem die permanente Verknüpfung der Vorfälle mit der Frage, ob Michel an dem Tag gut gepfiffen hat oder nicht, weil Diskriminierungen durch nichts gerechtfertigt sind.

Täter in den Fokus nehmen
Das Sportgericht des DFB, wo der Fall über den Kontrollausschuss des Verbandes landet, verurteilt Rot-Weiss Essen wegen des diskriminierenden unsportlichen Verhaltens seiner Anhänger schließlich zu einer Geldstrafe von 20.000 Euro. Ein wichtiges Signal. Im Profifußball der Männer ist Michel derzeit die einzige Haupt-Schiedsrichterin. In der Saison 2023/24 gab es verbandsweit 2.671 aktive Schiedsrichterinnen, eine Quote von 4,57 Prozent. Und eine zweite Statistik ist wichtig: Während jeder fünfte Mann an der Pfeife wieder aufhört, ist es bei den Frauen jede Dritte. Die höhere Abbruchquote untersucht auch Thaya Vester, Kriminologin an der Universität Tübingen, die von einem „Erhaltungsproblem“ spricht und die Verbände in der Pflicht sieht.
Mit einigem Abstand äußert sich schließlich Michel selbst zu den Vorkommnissen, erst in der ARD-Doku-Serie „Unparteiisch“, dann auf Veranstaltungen, bei denen sie Podiumsgästin ist. Sie habe die Rufe im Stadion nicht wahrgenommen, sei aber froh über die Aufarbeitung im Nachhinein und sehe „alle“ in der Verantwortung. „Vielen Menschen ist gar nicht klar: Was ist eigentlich eine diskriminierende Beleidigung?“ Solche Vorfälle und die nachfolgende Diskussion könnten helfen, dafür zu sensibilisieren.
Daneben spricht die Schiedsrichterin einen nachvollziehbaren Punkt an: Es sei über Wochen und Monate unter ihrem Namen nur um diesen Vorfall gegangen, den andere verursacht und so erst mit ihr verknüpft haben. Sie hätte sich gewünscht, das Thema wäre bald losgelöst von ihr als Person weiter diskutiert worden. Nicht ohne Grund lässt der DFB im Urteil zur Causa ihren Namen aus der Schlagzeile. Diskriminierungsvorfälle namentlich immer mit den Betroffenen zu verbinden, während die Täter oft im Dunkeln bleiben, setzt Gewalt fort.
Beitragsbild: IMAGO/STEINSIEK.CH
