Von links nach rechts stehten die drei Schiedsrichterinnen Irina Wehr, Dr. Riem Hussein und Jasmin Matysiak nebeneinander. Alle drei lächeln und tragen Headsets, die beiden außen klatschen, Riesm Hussein in der Mitte hat beide Arme dankend erhoben. Sie hat eine kleine Kamera an ihr Ohr geklipst.

Türchen 19. Die Ref-Cam: Von der Schutzmaßnahme zum Entertainment

Als die Ref-Cam 2023 erstmals in den Fokus rückte, war ihr Zweck klar umrissen: Schutz für Schiedsrichter*innen. Im Amateurfußball sollte die Kamera den Unparteiischen mehr Sicherheit geben – ein technisches Werkzeug gegen die zunehmenden Übergriffe auf Spieloffizielle. Die ersten Versionen liefen nicht durchgängig, sondern konnten von Schiedsrichter*innen aktiviert werden, wenn man sich unsicher fühlte.

Doch innerhalb weniger Monate verschob sich die Perspektive – im wahrsten Sinne des Wortes.

Ende 2023 und im Laufe des Jahres 2024 erkannten die Verantwortlichen das zusätzlich Potenzial der Technik: die immersive Wirkung für Zuschauer*innen. Es war nicht mehr nur von Schutz die Rede, sondern von „spektakulären Einblicken“ und „innovativen Perspektiven“. Die Kamera am Headset der Schiedsrichter*innen liefert etwas, das klassische TV-Kameras nicht bieten können: den unmittelbaren Blick vom Spielfeld, quasi auf Augenhöhe mit dem Geschehen.

Der Blickwechsel: „Hast du wirklich was, oder ist das taktisch?“

Besonders für Fans, die selbst nie auf dem Platz gestanden haben, öffnet sich damit eine völlig neue Dimension.

Man läuft mit den Spieloffiziellen mit, sieht die Spieler*innen heranstürmen, erlebt die Dynamik eines Freistoßes aus nächster Nähe.

Die ursprünglichen Ziele sind dabei nicht verschwunden. Die Ref-Cam soll weiterhin Transparenz schaffen und Schulungsmaterial für Schiedsrichter*innen liefern.

Und vielleicht das Wichtigste: Sie kann Verständnis für die schwierige Aufgabe der Unparteiischen wecken, wenn Millionen Zuschauer*innen plötzlich sehen, wie schnell Entscheidungen unter Druck fallen müssen und welchen Blick Offiziellen auf das Geschehen haben.

Schiedsrichterin Dr. Riem Hussein von der Hüfte aufwärts, sie trägt ihr Schiri-Headset und hat zusätzlich eine kleine Kamera an ihr linkes Ohr geklipst und mit hautfarbenem Klebe oder Pflasterband angebracht. Sie lächelt.
Riem Hussein während des Supercups der Frauen 2025, sie wurde vor dem Spiel ausgezeichnet. Die Ref-Cam am Ohr ist hier deutlich erkennbar. Foto: IMAGO/kolbert-press

Gleichzeitig sind vom Verband und Medien erstellte Zusammenschnitte auch Teil des Entertainment-Aspekts von Fußball geworden und werden auch so präsentiert: Fans finden nicht nur die Einblicke spannend, sondern auch die ungläubigen Gesichter der Spieler*innen und manch eine Bemerkung der Schiedsrichter*innen lustig.

Meilensteine im deutschen Profifußball

Die Premiere im deutschen Profifußball fand am 18. Dezember 2023 statt: Arminia Bielefeld gegen 1860 München in der 3. Liga. Schiedsrichter Daniel Schlager trug die Kamera, ebenso die Assistenten Sven Waschitzki-Günther und Stefan Zielsdorf sowie der 4. Offizielle Tim Waldinger.

Nur wenige Monate später, Ende Februar 2024, folgte die Bundesliga-Premiere, wieder mit Daniel Schlager, diesmal bei Eintracht Frankfurt gegen den VfL Wolfsburg.

Noch im Teststadium

Im Fußball der Frauen dauerte es etwas länger: Am 30. August 2025 kam die Ref-Cam beim Google Pixel Supercup zum Einsatz. Schiedsrichterin Riem Hussein – die kurz vor dem Anpfiff als Schiedsrichterin des Jahres 2025 ausgezeichnet wurde – leitete die Partie zwischen dem FC Bayern München und dem VfL Wolfsburg in Karlsruhe. Unterstützt wurde sie von den Assistentinnen Jasmin Matysiak und Irina Wehr sowie der 4. Offiziellen Karoline Wacker.

Im Ref-Cam-Zusammenschnitt vom Supercup des DFB auf YouTube ist an einer Stelle zu hören, wie Riem Hussein die auf dem Rasen sitzende Torhüterin Stina Johannes fragt: „Hast du wirklich was, oder ist das taktisch?“ Beim selben Spiel kam übrigens auch eine spezielle Nahbereichs-Drohne zum Einsatz.

Die heutige Ref-Cam hat mit den Anfängen wenig gemein. Bei der weltweiten Premiere im August 2013 in der amerikanischen MLS wog die Kamera noch stolze 4 Kilogramm. Die aktuelle Version ist eine ultraleichte Spezialeinheit mit weniger als 150 Gramm, die am Headset befestigt wird. Sie wurde von der EU in die Risikoklasse C0 eingestuft, also als risikofrei.

Ein Schiedsrichter zeigt Miralem Pjanic von AS Rom die Gelbe Karte. Der Unparteiische hat ein breites schwarzes Band um den Kopf und seitlich über seinem linken Ohr ist eine mindestens faustgroße Kamera, die außerdem zum Rücken hin auch noch verkabelt zu sein scheint.
Im Juli 2013 gab es ein Spiel zwischen einer MLS All-Star-Auswahl und AS Rom, dabei trug Schiedsrichter Hilario Grajeda eine Ref-Cam am Kopf, die im Vergleich zur heutigen Technik nur als wuchtig beschrieben werden kann. Foto: IMAGO/Icon Sportswire

Trotz aller Begeisterung: Die Ref-Cam befindet sich noch in der Experimentierphase. Die Daten, die in Deutschland und anderen Ländern gesammelt werden, fließen in das internationale Testprogramm des IFAB (International Football Association Board) ein, das die Versuche kürzlich auf nationale und internationale Wettbewerbe weltweit ausgeweitet hat.

Ob und wann die Kamera zum festen Bestandteil des Fußballs wird, bleibt abzuwarten. Aber eines steht fest: Der Blick durch die Augen der Schiedsrichter*innen hat das Potenzial, nicht nur das Erlebnis der Zuschauer*innen zu verändern, sondern auch den Respekt für diejenigen zu stärken, die auf dem Platz die schwierigsten Entscheidungen treffen müssen.​​​​​​​​​​​​​​​​

Beitragsbild: IMAGO/Fotostand

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Petra Tabarelli ist Fußballhistorikerin und -journalistin. Die Spezialistin für die Entwicklung der Fußballregeln schreibt für die DFB-Schiedsrichter-Zeitung, ist als Expertin im Deutschlandfunk zu hören und hat als Beraterin fürs IFAB gearbeitet. Tabarelli ist Mitglied des prämierten Kollektivs „FRÜF“ und setzt sich in der web.de-Kolumne für eine stärkere Präsenz und Förderung von Schiedsrichterinnen im Fußball der Männer ein. 2023 wurde sie zum Mitglied der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur ernannt. Zudem hat die Expertin die erste Biografie über den zu Lebzeiten sehr bekannten Simon Rosenberger geschrieben, einen jüdischen Fußball-Pionier und Begründer der DFB-Schiedsrichter-Zeitung, der zuvor aus der Geschichte getilgt worden war.

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