
Türchen 18. Erinnerungen an die EM 2025 in der Schweiz
Hinter dem 18. Türchen gibt es meinen Rückblick auf den EM-Sommer in der Schweiz, in Ausschnitten. Denn neben diesen Highlights ist natürlich noch viel mehr passiert.
Das Finale: England gegen Spanien
Am 27. Juli 2025 stand im ausverkauften Basler Stadion mit 34.203 Zuschauern die Neuauflage des WM-Finales von 2023 an: England gegen Spanien. Das war im Vorhinein die von vielen erwartete Paarung, die dann aber während des Turniers, naja, vielleicht nicht überraschte.

Aber Englands Weg in dieses Finale war alles andere als souverän. Außerdem brachte diese Konstellation unweigerlich Erinnerungen mit sich und rückte Trainerin Montse Tomé nochmal besonders in den Fokus. Sie ist inzwischen nicht mehr Nationaltrainerin der Spanierinnen.
Diese gingen im Endspiel durch Mariona Caldentey in der 25. Minute in Führung, doch Alessia Russo glich in der 57. Minute per Kopf aus. In der Verlängerung gingen beide Seiten auf dem Zahnfleisch, Lucy Bronze verarztete sich Aufsehen erregend selbst und schließlich fiel die Entscheidung vom Punkt. Torhüterin Hannah Hampton avancierte zur Heldin, indem sie zwei spanische Versuche parierte, später verriet sie, dass sie Cata Colls Trinkflasche mit dem Spickzettel über Englands Schützinnen versteckt habe und löste damit Diskussionen aus.

Chloe Kelly, die bereits 2022 das entscheidende Tor im EM-Finale geschossen hatte, verwandelte erneut den letzten Elfmeter und krönte England zum zweiten Mal in Folge zur Europameisterin. Und Sarina Wiegman wurde zur zweiten Trainerin nach Tina Theune (Deutschland: 1997, 2001, 2005), die drei EM-Titel in Folge gewinnen konnte. Wiegman stand damit außerdem zum fünften Mal in Serie in einem Finale einer WM oder EM. Viele Geschichten also in diesem Finale, in diesem Turnier.
Einfach schön: EM-Debüt von Wales und Jess Fishlock
Da wären zum Beispiel die Waliserinnen, erstmals bei einer EM-Endrunde dabei und die größten Außenseiterinnen des Turniers. In ihren Reihen die 38-jährige Jess Fishlock, Wales‘ Rekordnationalspielerin und -Torschützin und wie gemalt auch erste EM-Torschützin mit ihrem Treffer gegen Frankreich. Das zwischenzeitliche 1:1 bei der 1:4 Niederlage machte Fishlock zudem zur ältesten Torschützin einer EM.

Inzwischen ist sie schweren Herzens aus dem Nationalteam zurückgetreten, der Turnierzyklus bis zu einer möglichen WM-Teilnahme 2027 ist ihr zu lang. Und halbe Sachen gibt’s eben nicht bei einer, die in Melbourne auch schon mal zur spielenden Trainerin wurde, weil Joe Montemurro (der heutige Coach der Matildas) sich seinerzeit zu den Männern verzog.
Persönliches Highlight: Signe Gaupset beeindruckt in Thun
Auf der anderen Seite der Altersskala eines solchen Turniers gab es auch einige junge Spielerinnen, die in den Fokus rückten. Ich greife eine heraus, mir hat sich nämlich Signe Gaupset nachdrücklich in den Kopf gespielt. Die gerade mal 20-jährige Norwegerin hat nach dem Ende der heimischen Liga (die im Kalenderjahr spielt) mit dem Wechsel zu Tottenham Hotspur vor kurzem ihren ersten Schritt aus der Heimat gewagt. Ich hatte die egoistische kleine Hoffnung, dass es vielleicht die Bundesliga werden könnte, weil ich gerne regelmäßig die Gelegenheit hätte, sie spielen zu sehen.


Während der EM im Stadion beobachten können hatte ich sie bei dem Spiel gegen Island in Thun und sie danach für unseren Podcast in der Mixed Zone kurz am Mikro. In der Partie ging es um nichts mehr, Norwegen war trotz aller Hoffnungen vor dem Turnier eigentlich mal wieder enttäuschend und hatte sich irgendwie eine Runde weiter gerumpelt, und mitten in das verträumte Idyll von Thun ballerte diese junge Spielerin dann einfach zwei Tore und zwei Vorlagen.


Gaupset ist für eine zentrale Mittelfeldspielerin – die auch auf dem Flügel spielen kann – extrem torgefährlich, für SK Brann hat sie in 26 Spielen 15-mal getroffen und 12 Vorlagen gegeben. Sie war damit lange im Rennen um die norwegische Torjägerinnen-Kanone und wurde am Ende der Saison als beste Spielerin der Toppserien ausgezeichnet.

Gaupset hat ein besonderes Skillset, weil sie sehr physisch-robust spielen kann, gleichzeitig aber sehr beweglich ist, einen guten Antritt hat und für ihr Alter schon ein herausragendes Gefühl für die jeweilige Spielsituation. Bei Tottenham trifft sie auf Trainer Martin Ho, den sie aus vorheriger gemeinsamer Zeit bereits gut kennt. Wenn sie sich unter ihm weiter so gut entwickelt, wird über sie in ein paar Jahren vielleicht so gesprochen wie über Ada Hegerberg vor ihren Verletzungen. Ich hatte nach diesem Spiel jedenfalls ein ähnliches Gefühl wie nach den ersten Bundesliga-Partien von Lena Oberdorf an der Hafenstraße. Für mich war die Zeit in Thun mit diesem Spiel besonders, auch wenn es im größeren EM-Kontext nicht so bedeutend war.
Deutschlands schafft es bis ins Halbfinale
Für Deutschland endete das Turnier erst im Halbfinale und der Weg dahin war eine richtige Achterbahnfahrt. Auch was die Bewertung des Teams angeht, hier als Erinnerung an die Stimmungslage nach der Niederlage gegen Schweden Maras Analyse der Gesamtsituation. Danach folgte dann noch das dramatische Viertelfinale gegen Frankreich in Unterzahl mit Bergers Gigantinnen-Parade, pure Gänsehaut. Dem Spiel wurde später ein komplett eigenes Magazin gewidmet.

Im Halbfinale gegen Spanien musste sich das neu formierte Team von Bundestrainer Christian Wück erst in der 113. Minute der Verlängerung geschlagen geben: Aitana Bonmatís Schuss aus spitzem Winkel war der entscheidende Treffer zum 1:0, Torhüterinnen-Ecke. Und für Bonmatí womöglich der Schlüssel-Moment für die Auszeichnung zur Spielerin des Turniers.

Inzwischen gab es in der Nations League aus Sicht von Deutschland mit beiden Gegnerinnen das Re-Match und man sieht dem jungen Team die neu gewonnen Erfahrungen auf der kämpferischen Ebene aus dem Frankreich-Spiel an. Aber gleichzeitig eben auch, dass bis zur Spitze doch einiges fehlt.
EM 2029 in Deutschland: So viel Vorlauf-Zeit wie nie
So gesehen hat sich nicht so viel verändert zu vor der EM, gleichzeitig ist ganz aktuell völlig unklar, wie es mit dem Spitzenfußball in Deutschland weitergeht. Werden sich der neue Ligaverband und DFB einig? Zu wessen Bedingungen? Und was bedeutet ein potenzielles Joint Venture dann eigentlich für die 2. Bundesliga und weiteren Unterbau? Der war darin von Anfang an nicht vorgesehen, etwas, worin sich beide Seiten ausnahmsweise immer einig waren – und dieser Aspekt muss bei allen Wünschen nach einem Vorankommen der ersten Liga wirklich niemandem gefallen. Im schlimmsten Fall wird ein bestehendes Problem nämlich einfach nur noch größer, die Schere zwischen der ersten Liga und allem darunter ist schon jetzt zu groß.
Im Jahr 2029 findet die EM dann in Deutschland statt. Noch nie gab es für ein europäisches Turnier der Frauen so viel Vorlaufzeit, dreieinhalb Jahre. Und angesichts der gerade beschriebenen Situation möchte man fast sagen: Zum Glück ist so viel Zeit.
Wer es genau wissen möchte: Bei der ersten EM 1984 gab es kein Gastgeberland, ab 1987 gab es für eine Weile einen Zweijahres-Rhythmus und die Turniere wurden bis 2001 von der UEFA erst nach der abgeschlossenen Qualifikation vergeben. Die längste Vorbereitungszeit bisher hatte Finnland für die EM 2009 mit drei Jahren, die kürzeste Zeit hatte England für die EM 2005 (zwei Jahre) und die Schweiz mit zwei Jahren und drei Monaten die zweitkürzeste Vorbereitung.

Dafür war das Turnier sehr gut organisiert und hat zur Freude der Gastgeberinnen wie auch der UEFA neue Publikumsrekorde aufgestellt. Und das, obwohl es im Vorfeld auch noch die Kontroverse darum gab, wie viel Geld denn nun der Schweizer Bund zusteuert. Wie sich die EM auf die ambitionierten Legacy-Projekte für den Schweizer Fußball der Frauen tatsächlich ausgewirkt hat, lässt sich vermutlich erst nach der aktuellen Saison erstmals wirklich seriös einschätzen.
Manchmal sind’s die abwegigen Momente
Bei all den Hochglanzfotos hier im Text und meiner eigenen großen Sammlung auf der Kamera von Fanmärschen, Stickern, Trams und der spektakulären Landschaft ist mein persönliches Lieblingsvideo von der EM aber eines, das ich nur aus Versehen in der Fanzone aufgenommen habe. Ich habe es auch erst etwas später am Tag entdeckt, als ich durch die Aufnahmen schaute.
Es plärrt laute Musik, man hört Stimmengewirr, aber im Bild ist einer dieser Pools mit großen durchsichtigen Kugeln, in denen Kinder im Wasser spielen können. Eines von ihnen krabbelt angestrengt in der Blase durch das Wasser, fällt um auf den Rücken, seufzt einmal sichtbar und lässt sich mitten im Chaos zwischen den tobenden anderen Kindern einfach ein Stück treiben. Same, kid. Hope you’re doing well.
Beitragsbild: IMAGO/Schüler
