Jessica Wissmann im Einsatz als Cheftrainerin der SGS Essen. Foto: IMAGO/Fotografie73

Türchen 17. Jessica Wissmann: Plötzlich Cheftrainerin


Hinter Türchen 17 des Adventskalenders geht es um eine Frau, auf deren Auftauchen an der Seitenlinie der SGS Essen vor der Saison vermutlich niemand in der Liga auch nur fünf Euro gesetzt hätte. Schon allein, weil kaum jemand ihren Namen kannte: Jessica Wissmann.

Nach acht Partien mit der 34-Jährigen als Interimstrainerin können sich viele Fans der SGS vermutlich kaum noch vorstellen, dass demnächst jemand anderes die sportliche Verantwortung für den letzten reinen Frauenverein der 1. Liga tragen wird. Jessica Wissmann ist angekommen in Essen und mit ihr neue Stabilität im Spiel der Essenerinnen. 

Dabei führte ihr Weg eher zufällig ins Ruhrgebiet. Kurz vor Saisonbeginn suchte die SGS nach dem plötzlichen Abgang von Co-Trainerin Britta Hainke gezielt neue weibliche Verstärkung an der Seitenlinie. Und so machte sich Thomas Gerstner, damals Trainer und Sportlicher Leiter der SGS, auf die Suche. 

Dass er dabei auf Wissmann stieß, ist wohl dem Umstand zu verdanken, dass beide aus der gleichen Ecke von Rheinland-Pfalz stammen. Gerstner unterhielt sich laut Wissmann mit einer Bekannten, die beim TuS Wörrstadt unter ihr gespielt hatte. Diese empfahl ihre Ex-Trainerin. Wissmann hatte allerdings gerade erst ihren Vertrag als Co-Trainerin der A-Junioren im Nachwuchsleistungszentrum des 1. FC Kaiserslautern verlängert. Bei ihrem „Herzensverein“ aus der Pfalz wollte man dem nächsten Karriereschritt der jungen Trainerin aber nicht im Weg stehen. Und so ließ man sie dennoch ziehen. 

Erfahrung als spielende Trainerin

Jessica Wissmann stammt aus einer fußballbegeisterten Familie. Sie hat schon im Alter von drei Jahren mit dem Kicken begonnen und war vor ihrem Engagement beim FCK einige Jahre lang spielende Trainerin beim Regionalligisten TuS Wörrstadt. Das Urteil von Lauterns NLZ-Leiter Uwe Scherr über sie lautete einst: „Inhaltlich top, menschlich top, fachlich 100 Prozent top.“ 

Jessica Wissmann bestreitet im Trikot des TuS Wörrstadt einen Zweikampf in einem Pokalspiel. Foto: IMAGO/Zink
Jessica Wissmann (blaues Trikot) 2019 als Spielerin des TuS Wörrstadt in einem Pokalspiel gegen den 1. FC Nürnberg. Foto: IMAGO/Zink

Top-Kraft Wissmann also heuerte kurz vor Saisonbeginn als Co-Trainerin in Essen an. Dort hatte Teamchef Robert Augustin der SGS gerade ungewohnten Offensivfußball verordnet. Was in der Vorbereitung gegen Gegnerinnen aus der niederländischen Eredivisie und deutsche Zweitligisten noch gut funktionierte – acht Spiele, acht Siege – klappte in der Liga überhaupt nicht. 

Nach fünf Spieltagen stand die SGS mit einem Punkt und 1:17 Toren am Tabellenende. Tiefpunkt war ein 0:8 beim VfL Wolfsburg, mit einer Leistung des Teams, nach der auch dem größten Optimisten das Glas mindestens halbleer erscheinen musste. Vier Tage nach dem leblosen Auftritt gegen die Wölfinnen stellte der Verein Teamchef Robert Augustin sowie den Cheftrainer und Sportlichen Leiter Thomas Gerstner frei.

Debüt gegen RB Leipzig

Zwei Tage später stand die bisherige Co-Trainerin Jessica Wissmann nach gerade mal sechs Wochen im Klub beim Auswärtsspiel in Leipzig als Haupt-Verantwortliche an der Seitenlinie. Das Essener Team zeigte gegen RB eine deutliche Leistungssteigerung, verlor aber knapp mit 1:2. Auch danach blieben die Ergebnisse zunächst aus, doch die Spiele verbesserten sich sichtbar. 

Gegen Hoffenheim und Bayern stellte sich Essen den favorisierten Gegnern deutlich engagierter entgegen – verlor aber trotzdem. Wissmann vermied es, individuelle Fehler in den Fokus zu stellen und lobte das Team stattdessen für Einstellung, Kampfgeist und Trainingsfleiß. 

Im Heimspiel gegen Bremen kämpften sich die Essenerinnen, die schon 0:3 hinten gelegen hatten, auch dank einer roten Karte für Werder noch auf 2:3 heran. Am 10. Spieltag gelang ein Punktgewinn im Kellerduell gegen den FC Carl Zeiss Jena. 

Sieg im Pokal bringt den Glauben zurück

Dann kam das Spiel, das den Essenerinnen den Glauben ans Gewinnen zurückgab. Im Achtelfinale des DFB-Pokals besiegte die SGS den Zweitligisten Turbine Potsdam knapp mit 1:0. Kapitänin Jacqueline Meißner rutschte in der 89. Minute mit dem Mut der Verzweiflung in eine Hereingabe von Natasha Kowalski hinein. Geschäftsführer Florian Zeutschler lobte danach Wissmanns empathische und emotionale Art, mit der sie dem Team Stabilität und den Glauben an sich selbst zurückgegeben habe. 

Kurz darauf gelang auch in der Liga der Durchbruch. Bei den auf Platz drei schielenden Leverkusenerinnen feierte die SGS ihren ersten Saisonsieg, es folgte ein wichtiger Heimerfolg gegen Nürnberg – und der Sprung auf einen Nichtabstiegsplatz.

Das erlösende 2:0 gegen den Club gelang Leonie Köpp mit einem Kontertor in der Nachspielzeit einer nervenaufreibenden Regenschlacht. Die 18-Jährige stürmte anschließend gleich weiter an die Seitenlinie, wo sich Spielerinnen, Trainer*innenteam und alle, die sonst noch auf der Auswechselbank gesessen hatten, zu einem matschigen, freudetrunkenen Pulk vereinten. „Ich wollte mit dem ganzen Team feiern und mich bei Jess für ihr Vertrauen bedanken“, erklärte Köpp hinterher.

Balance zwischen Lockerheit und Strenge

„Jess“ so nennen sie in Essen ihre Trainerin. Fragt man die Spielerinnen, was Wissmann auszeichnet, werden vor allem drei Dinge oft genannt: Sie sei eine Teamplayerin, schenke allen Vertrauen und finde die richtige Balance zwischen Lockerheit und Strenge. 

Jessica Wissmann erklärt ihrem Team eine taktische Umstellung. Foto: IMAGO/Fotografie73
Alle zusammen: Interimstrainerin Jessica Wissmann erklärt ihrem Team eine taktische Umstellung. Foto: IMAGO/Fotografie73

Im letzten Spiel der Hinrunde holte die SGS in Freiburg den nächsten Punkt im Kampf gegen den Abstieg. Kapitänin Jacqueline Meißner zeigte sich nach dem 0:0 zufrieden: „In den vergangenen Jahren war es immer die Defensive, die uns als SGS ausgemacht hat. Am Anfang der Saison haben wir das vermissen lassen. Jetzt ist es wieder schwer, Tore gegen uns zu schießen.“ 

Wie lange Wissmann noch als Cheftrainerin die Geschicke der SGS lenken wird, ist offen. Für ein dauerhaftes Engagement auf diesem Posten fehlt ihr die vorgeschriebene Pro-Lizenz. Noch hat der Verein eine Sondergenehmigung für den Einsatz von Wissmann. Die läuft allerdings im Januar aus. Ab dann wäre eine Strafe fällig, die pro Spieltag im vierstelligen Bereich liegen soll. Also eher keine Option für einen Verein, der aufs Geld schauen muss. 

Zurück in die zweite Reihe

Wissmann selbst hat schon deutlich gemacht, dass es für sie kein Problem ist, in die zweite Reihe zurückzutreten. Da der oder die Neue auf dem Cheftrainer*innen-Posten bei der SGS Zeit brauchen wird, um das Team kennenzulernen und mit ihm zu arbeiten, ist damit spätestens zu Beginn der Winterpause zu rechnen. 

In einem Interview mit dem WDR hat Wissmann schon verraten, wofür sie selbst die Feiertage nach ihrem Parforceritt durch die Bundesliga-Hinrunde nutzen möchte: Die 34-Jährige will sich die Zeit nehmen auf das, was sie in den vergangenen Monaten erlebt hat, zurückzuschauen und es in Ruhe zu analysieren.

Typisch Trainerin eben.

Beitragsbild: IMAGO/Fotografie73

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Lisa Seiler ist freie Journalistin. Als Grundschülerin hat sie ihr Taschengeld am Kiosk um die Ecke in den „Kicker“ investiert. Aber nur montags, für mehr reichte es nicht. An Lisas Kinderzimmertür hing jahrelang ein Poster von „Icke“ Häßler. Irgendwann stellte sie fest, dass nicht nur Männer, sondern auch Frauen Fußball spielen können und so kann ihr ältester Sohn heute den Namen „Sjoeke Nüsken“ fehlerfrei aussprechen, weiß, dass es zwei Kopfballungeheuer gibt, nämlich Horst Hrubesch und Alexandra Popp, und kann die Schützin des schönsten Golden Goals der deutschen Fußballgeschichte nennen: Nia Künzer. Reine 1:0-Berichterstattung ist nicht Lisas Ding, dafür mag sie Interviews, die tiefer gehen und den Blick hinter die Kulissen. Unter anderem den hinter die des Fußballs der Frauen.

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