24 Personen, meist in Anzügen, darunter fünf Frauen, stehen in Reih und Glied, ganz vorne hält Katharina Kiel das Gründungsdokument der FBL in den Händen. (Credit: FBL)

Türchen 11. Männer, Macht und Mehrheiten im Fußball der Frauen

Die 14. Vereine der 1. Bundesliga gründen einen gemeinsamen Ligaverband. Ob es das geplante Joint Venture mit dem DFB geben wird, hält man sich einerseits offen, andererseits wird deutlich, gewollt ist das weiterhin. Aber nach eigenen Regeln.

An einem Tag, der avisiert war als ein bedeutender für den Fußball der Frauen, macht zunächst jener der Männer Schlagzeilen – wegen einer Frau. Die Nachricht, dass Tatjana Haenni den Posten an der Spitze der Geschäftsführung von RB Leipzig einnimmt und nach längerer Vakanz Oliver Mintzlaff als CEO beerbt, geht in die Geschichte ein: Haenni ist damit die erste Frau, die im deutschen Profifußball der Männer eine solche Position bekleidet.

Tatjana Haenni mit Mikro, sie gestikuliert beim Sprechen. (Credit: IMAGO/Beautiful Sports)
Tatjana Haenni, hier während einer Talkrunde beim DFB, führt künftig die Geschäfte bei RBL. (Foto: IMAGO/Beautiful Sports)

Wieso hat man Haenni nicht für die Bundesliga gewonnen?

Insofern ist der Zeitpunkt der Bekanntgabe sicherlich kein Zufall, sondern vielmehr ein Signal: Während eine Handvoll Männer sich um den Fußball der Frauen zankt, macht ausgerechnet das Konstrukt aus Leipzig eine Frau zur Chefin im Männerbereich. Wohlgemerkt eine, die im Fußball generell, aber eben auch in dem der Frauen, über exzellente Expertise und breite Erfahrung verfügt, sodass die Frage sich aufdrängt: Wieso hat man die Schweizerin nicht für das Projekt „Bundesliga“ gewonnen?

Wer als Medienvertreter*in solche oder andere Fragen stellen wollte an diesem Gründungstag des Ligaverbandes FBL e. V., musste zunächst einmal Sitzfleisch mitbringen: Die Pressekonferenz im Anschluss an dessen Gründung und konstituierende Sitzung begann über einer Stunde verspätet. Bevor es dann losging, stand plötzlich erstmal Katja Kraus im Raum. Die Mitbegründerin von Fußball kann mehr kennt sich sehr gut aus mit Fußball und der Macht im Business. Als der DFB vor rund zwei Jahren begann, von seinem Wachstums- und Entwicklungsplan zu sprechen, veröffentlichte sie mit Axel Hellmann eine Art Parallelentwurf. Ihre Rolle an diesem Tag wurde nicht aufgelöst.

Geplant war eine große Zeremonie mit dem DFB

Ursprünglich war, das ist bekannt, alles sowieso ganz anders geplant gewesen: Als eine feierliche Zeremonie am Campus des DFB, mit dem die Gründung eines Joint Ventures vorgesehen war. So hatte Präsident Bernd Neuendorf es selbst noch beim Bundestag im November verkündet.

Bernd Neuendorf im Wollmantel. (Credit: IMAGO/DeFodi Images)
Bernd Neuendorf, hier beim WM-WM-Qualifikationsspiel der Männer gegen Luxemburg, hielt am Mittwoch ein Grußwort. (Foto: IMAGO/DeFodi Images)

Und damit wären wir beim Thema Zank. Denn zuletzt stellte sich bei den Vereinsverantwortlichen das Gefühl ein, der Verband wolle sich – womöglich mit dem Rückenwind der erfolgreichen EM-Bewerbung für 2029 – plötzlich mehr Macht sichern, als ausgemacht. Weil aber die Clubs aus ihrer Sicht im Alltag den Bärenanteil der Verantwortung, Ausbildung, Organisation sowie Finanzierung schultern, mochten sie sich darauf nicht einlassen und ließen das Ganze platzen.

Es ist gut, wenn die Vereine Grenzen ziehen, aber …

Das an sich wirkte zunächst mal wie eine gute Entscheidung. Auch eingedenk der wechselvollen Geschichte zwischen Fußball der Frauen und Verband hierzulande erscheint es durchaus sinnvoll, wenn die Clubs ihre Grenzen deutlich ziehen und vertreten. Immerhin soll es um die Sache gehen, also die Entwicklung des Fußballs der Frauen. Da stottert der Motor nun schon seit Jahren – und muss endlich mit Verve zum Laufen gebracht werden.

Von Verve war allerdings beim Medientermin nicht viel zu spüren. Was nicht daran liegt, dass die drei frisch gewählten Präsidiumsmitglieder des FBL erstmal vor allem mit Entschuldigungen für ihre Verspätung beschäftigt waren. Katharina Kiel, Direktorin Frauenfußball bei Eintracht Frankfurt, ist neue Präsidentin, Veronika Saß, Direktorin Recht beim FC Bayern München, ihre Erste Vize. Zweiter Vize ist Florian Zeutschler, Geschäftsführer der SGS Essen. Alle drei betonten, es handle sich um einen historischen Tag und Historie brauche manchmal eben etwas länger. Das freilich gilt auch, wenn es um den bemerkenswert langen Prozess im Vorfeld geht.

Ein Tag des Aufbruchs, nur: wohin?

Es sei, betonte Kiel, ein „Tag des Aufbruchs“, an dem man dem Frauenfußball gemeinsam eine Richtung geben wolle. Zeutschler fand, es spreche für die gute Zusammenarbeit der heterogenen Gruppe, dass der „vermeintlich kleine Verein aus Essen“ ein Präsidiumsmitglied stelle. Durchaus eine bemerkenswerte Aussage für den Vertreter jenes Vereins auf dem Podium, der doch so viel Erfahrung im Fußball der Frauen hat, also in Sachen Expertise ein ganz Großer ist.

Die größte Stärke des neuen Ligaverbandes sei die Geschlossenheit, erklärten die drei. Sie alle seien froh, daran beteiligt zu sein. Die Aufgaben und Herausforderungen: nicht klein, aber in dieser neuen Einigkeit werde man sie meistern.

Oliver Leki neben Katharina Kiel, sie hält einen Blumenstrauß in der Hand, mittig und rechts im Hintergrund Weihnachtsdeko, links eine Tafel mit den Logos der Bundesligistinnen. (Credit: FBL)
Oliver Leki mit Katharina Kiel: Blumen für die Präsidentin. (Foto: FBL)

Klingt gut, nur: wie meistern? Ist das Ziel weiterhin ein Joint Venture mit dem DFB? Falls ja, wie könnte das nach den Auseinandersetzungen zuletzt (noch) aussehen? Oder möchte man den Weg nun insgesamt lieber alleine gehen? Wie könnte das wiederum in der Realität ausschauen, woher sollten die Schiedsrichter*innen kommen, wie wäre es mit der Sportgerichtsbarkeit oder auch der Tatsache, dass die internationalen Verbände den DFB als Ansprechpartner haben?

Man bitte um Verständnis, dass etliche dieser Fragen heute nicht im Detail beantwortet werden könnten, da zu viel zum jetzigen Zeitpunkt nicht klar sei. Die Tür für den DFB sei nie zu gewesen. Ja, einige der genannten Punkte lägen in dessen Zuständigkeit. Man sei in guten Gesprächen. Neuendorf selbst war als geladener Gast bei der Gründung und hat ein Grußwort gesprochen. „Heute steht vor allem die Gründung des Verbandes im Vordergrund.“ Und was sind dann dessen vornehmlich Aufgaben? Nun, erstmal habe man den gebraucht für das geplante Joint Venture mit dem DFB. Ratlose Gesichter im Presseraum.

Das Interesse an der Arbeit mit dem DFB bleibt groß

Es ist ja richtig, dass der Zusammenschluss der Vereine in dieser Form eben historisch ist. Und ja, eine gemeinsame Interessensvertretung hat in sich einen Wert. Gleichwohl müsste doch ein bisschen mehr zum Ligaverband und dessen Zielsetzung zu sagen sein, als dass der eigentlich als Teil des Joint Ventures gedacht war, das es erstmal nicht gibt. Wobei sehr deutlich wurde, die Clubs haben weiterhin ein enormes Interesse an der Zusammenarbeit mit dem DFB – und sollte es dazu einen Plan B geben, so war der an diesem Tag nicht zu erkennen.

Veronika Saß, Katharina Kiel und Florian Zeutschler in dunkeln Anzügen. (Foto: FBL)
Katharina Kiel, Vorsitzende Präsidentin FBL (Mitte), Veronika Saß, Erste Vize, Florian Zeutschler, Zweiter Vize. (Foto: FBL)

Aber vielleicht ist ein Teil des Problems, dass die Drei, die auf dem Podium saßen, mutmaßlich nicht diejenigen sind, die in vorderster Linie mit dem DFB Details ausfechten. Während also allem Anschein nach die Alphatiere im Hintergrund ihre Machtfragen aushandeln, müssen vorne andere eine Revolution präsentieren, zu der sie in diesem Schwebezustand nur vage Anmerkungen machen können – und an deren innerer Kraft nach diesem Termin viele Fragen zurückbleiben. Eine undankbare Aufgabe, mit der man dem in der Sache engagierten Trio absolut keinen Gefallen getan hat.

Parallel gaben dann wieder einige der Club-Bosse Interviews, in denen betont wurde, was drinnen sachte anklang: Der DFB müsse nur zustimmen, dass die Vereine die Hoheit behalten, dann könne es auch wie geplant gemeinsam weitergehen. Die Nachfrage, ob es korrekt sei, dass die Clubs auf Seiten des DFB den neuen Generalsekretär Holger Blask als Treiber für die derzeit missliche Lage ausgemacht haben, wollte Eintracht Frankfurts Axel Hellmann nicht beantworten. Wohl aber nahm er Bernd Neuendorf aus der Schusslinie, mit dem die Kommunikation nie versiegt sei.

Und da schließt sich der Kreis zur Meldung vom Vormittag: Egal ob e. V. oder GmbH, egal ob mit DFB oder ohne, dieser Liga würde eine Expertin von außen sehr guttun. Eine, die mit eigenem Kopf und starken Ideen eine Richtung mit gestaltet und eben auch vorgibt, deren Aktien weder bei den Vereinen noch dem DFB liegen, sondern die ganz und gar der Sache verpflichtet ist: einer Weiterentwicklung des Fußballs der Frauen. Schade, dass sich dieses Zeitfenster bei Tatjana Haenni gerade geschlossen hat.

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Mara Pfeiffer begleitet als Journalistin seit vielen Jahren den 1. FSV Mainz 05 mit Analysen und Kolumnen. In TV- & Radio ist sie als Expertin rund um Fußballthemen auf und neben dem Platz zu Gast. Sie gehört zur Crew von „FRÜF – Frauen reden über Fußball“. Für Sport1 spricht Pfeiffer im Podcast „Flutlicht an!“ mit Menschen über Fußball, die zu wenig im Rampenlicht stehen. In ihrer web.de-Kolumne schreibt sie über gesellschaftliche Schieflagen und wie diese sich im Fußball wiederspiegeln. Sie ist Mitglied der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur und Autorin von neun Büchern, darunter Sachbücher und Krimis rund um Mainz 05, sowie die Biografie von Wolfgang Frank. Das Medium Magazin wählte Pfeiffer bei den Journalist*innen des Jahres im Sport 2022 auf Platz 3.

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