
Türchen 10. Zwei Torhüterinnen, zwei Bücher: Ann-Katrin Berger und Mary Earps
Im Jahr 2025 wurde viel über Mary Earps gesprochen, allerdings weniger über ihre Leistungen als Torhüterin, sondern vielmehr über ihren Rücktritt aus dem englischen Nationalteam sowie über ausgewählte Passagen ihrer Biografie All In, in denen sie jene Entscheidung aus ihrer Perspektive schildert. Auch Ann-Katrin Berger rückte nicht selten ins Zentrum der Berichterstattung rund um die DFB-Auswahl: durch ihre mutigen Dribblings vor dem eigenen Tor, ihre unglaubliche Parade im EM-Viertelfinale und den Gewinn der NWSL Championship mit Gotham FC Ende November.
Mary Earps und Ann-Katrin Berger sind außergewöhnliche Torhüterinnen, die sowohl auf als auch neben dem Fußballplatz Bemerkenswertes erlebt haben. Gemeinsam mit Christiane Endler waren 2022 beide für die Auszeichnung als Welttorhüterin des Jahres nominiert. Damals versicherte Berger Earps schon vor der Zeremonie, dass die Engländerin die Auszeichnung sicher bekommen würde.
In diesem Jahr haben beide ihre Lebensgeschichten veröffentlicht. Ich habe beide Biografien gelesen und möchte an Tag 10 unseres Adventskalenders meine Gedanken mit euch teilen.
Mary Earps All In
Wenn ich Mary Earps mit einem Wort beschreiben müsste, dann wäre es ehrgeizig. Bevor ich ihre Biografie las, war ich, ganz ehrlich, nicht der größte Fan von ihr. Nicht, weil sie etwas Verwerfliches getan hätte, sondern schlicht aus der Perspektive eines Fans; an das aus DFB-Sicht verlorene EM Finale 2022 denke ich ungern zurück. Das Bild, wie Mary Earps trotzig auf dem Ball liegt, hat sich eingebrannt. Mir war damals schon klar: diesen Ball gibt sie nicht her.

Nach der Lektüre ihrer Biografie empfinde ich jedoch vor allem eines: Respekt. Respekt für ihr unglaubliches Durchhaltevermögen, ihren unermüdlichen Trainingsfleiß und ihren Umgang mit Rückschlägen.
Das Recht darauf, arrogant zu sein
Die ersten Rückschläge in Earps’ Leben haben zunächst wenig mit dem Fußball zu tun. In der Schulzeit wird Mary Earps stark gemobbt, so heftig, dass ihre fröhliche, laute Art zunehmend verblasst und sie schließlich die Schule wechselt. Diese Erfahrung, nicht gemocht und ausgeschlossen zu werden, prägt sie zutiefst und kann zu einem Teil erklären, weshalb der Rücktritt aus der englischen Nationalelf der für sie persönlich richtige Schritt war.

Lange waren die Lionesses für Earps ein sicherer Ort. Sie beschreibt eindrücklich, wie Nationaltrainerin Sarina Wiegman es schaffte, ihr das Gefühl zu geben, unverwundbar zu sein, als könnte sie mühelos durch Wände gehen. Diese mentale Stärke, kombiniert mit ihrem außergewöhnlichen Einsatz im Training (schon als Kind baute Earps wohl ständig Extra-Wiederholungen in ihr Training ein), führte zu ihrer charakteristischen „come and beat me“-Einstellung. Für Außenstehende kann ihr selbstsicheres Auftreten durchaus arrogant rüberkommen, eine Bewertung, die mir verdächtig misogyn erscheint. In ihrem Buch erklärt Earps, weshalb sie bewusst so auftritt und welche Rolle sie damit im Team übernimmt.
Mentale Gesundheit im Fußballgeschäft
Zu glauben, Earps’ Weg sei durchweg von Selbstsicherheit geprägt, wäre ein Irrtum. Während des ersten Corona-Lockdowns 2020 erkrankte sie an Depressionen; später folgten Angstzustände und Panikattacken. In ihrer Biografie gibt sie Leser*innen einen tiefen Einblick in diese herausfordernde Zeit. Sie kommentiert dabei auch, wie das Fußballgeschäft solche Lebensumstände oft noch schlimmer machen kann, erzählt aber ebenso von wichtigen Wegbegleiter*innen, die ihr geholfen haben, Schritt für Schritt wieder aus der Dunkelheit herauszufinden.
Insgesamt hat mich das Buch positiv überrascht. Wer sich vom -vor allem in den britischen Medien- aufgebauschten Trubel rund um das Erscheinen der Biografie eher abgeschreckt fühlt, dem kann ich sagen: Mary Earps’ Geschichte hat weit mehr zu bieten als ihren Rücktritt aus der Nationalelf und die Diskussionen um sie und Hannah Hampton. Natürlich spielt der Rücktritt eine zentrale Rolle und es ist durchaus spannend zu lesen, wie sie diese Zeit erlebte. Dennoch beinhaltet diese Biografie so viel mehr: etwa ihren prägenden Abschnitt beim VfL Wolfsburg, ihren Umgang mit ihrer Sexualität und ihren unermüdlichen Einsatz für die Sichtbarkeit von Torhüter*innen. All dies sollte nicht übersehen werden.
Ann-Katrin Berger: Das Spiel Meines Lebens. Wie ich den Krebs besiegte und Deutschlands beste Torhüterin wurde
Wie schafft es Ann-Katrin Berger, in entscheidenden Momenten eines Spiels so cool zu bleiben? Eine Frage, die sich mit Blick auf die letzten zwei großen Turniere (Olympia 2024 und EM 2025) viele Fußballfans gestellt haben. In ihrer Biografie Das Spiel Meines Lebens stellt Berger klar, dass es sich dabei nicht um Coolness handelt, sondern um eine Art Betäubung, die sie in diesen Momenten empfindet. Ein Bild, das ihr hilft, Ruhe zu bewahren, begleitet sie bereits seit Kindertagen: ein Schiffsmast, der auf offener, aufgewühlter See auch dem stärksten Sturm standhält. Diese Visualisierung erlernt die Göppinger Fußballerin im autogenen Training, zu dem sie als unruhiger „Zappelphillip“ geschickt wird. Es wird zu einer inneren Orientierungshilfe, die ihr sowohl auf dem Platz als auch im Leben immer wieder Stabilität gibt.
Dass Berger früher hibbelig und unruhig gewesen sein soll, kann ich mir heute kaum vorstellen. Doch in ihrer Biografie lernen wir sie von einer viel persönlicheren Seite kennen. Sie erzählt davon, welche große Rolle Sport und Bewegung in ihrer Familie schon immer gespielt haben. Sport ist für die Bergers vor allem mit Freude und wertvoller Familienzeit verbunden, nicht mit Leistungsdruck. Diesen Grundsatz versucht Ann-Katrin Berger sich bis heute zu bewahren: Spaß und Leichtigkeit sollten stets im Vordergrund stehen.

Doch Berger spricht in ihrem Buch nicht nur über die sonnigen Seiten ihres Lebens. Sie erzählt auch von finanziellen Sorgen in ihrer Familie, unter anderem durch die Erkrankung ihres Vaters. Ihre Mutter pocht deshalb darauf, dass Berger sich neben dem Fußball ein zweites Standbein aufbaut. So absolviert sie während ihrer Zeit bei Turbine Potsdam eine Ausbildung im Gesundheits- und Pflegebereich.
Wie ein „Marsmensch im Bunker“
Auch ihre Krebserkrankung thematisiert Berger in ihrer Biografie. Sie nimmt die Leser*innen dabei beeindruckend nah mit: vom ersten Verdacht über die Diagnose bis zur Behandlung. Besonders eindrücklich beschreibt sie die 72 Stunden ihrer Radiotherapie in einem fensterlosen Bunker eines Krankenhauses in Birmingham, wo sie sich selbst als „Marsmensch“ fühlte. Selbst dort hält sie sich, trotz oder vielleicht sogar wegen aller Trostlosigkeit, mit Gymnastikbändern fit, um schnellstmöglich wieder auf dem Platz zu stehen. Diesen Abschnitt ihrer Biografie fand ich zutiefst bewegend.

Überhaupt gelingt es Berger, wichtige Grundsätze und Lehren aus ihrem Leben zu teilen, ohne dabei belehrend zu wirken oder oberflächlich zu sein. Ein wichtiges Prinzip, dass sie mit uns Leser*innen teilt, ist sich nur auf das zu konzentrieren, was man beeinflussen kann und alles andere bewusst loszulassen. Das zeigt sich in kleinen Momenten in ihrer Jugend, etwa wenn sie nach einer schlechten ersten Halbzeit im Tor kurzerhand in den Sturm versetzt wird, um dort ihre eigenen Akzente zu setzen. Und es zeigt sich in großen Entscheidungen, wie ihr Wechsel in die USA zu Gotham FC.
Zuvor galt sie beim Chelsea FC als Nummer Eins, verlor ihren Platz jedoch Stück für Stück an die Schwedin Zećira Mušović. Konkurrenzkampf kann beflügeln, doch was Berger besonders zusetzt ist die mangelnde Kommunikation rund um ihre Degradierung–eine Parallele, die sich übrigens auch in Mary Earps’ Biografie wiederfindet. Der Neustart in den USA ist eine Entscheidung, die sie kontrollieren kann. Der Umzug bringt neuen Schwung in ihr Leben; Fußball kann einfach wieder Fußball sein und der Spaß kehrt zurück.
Plötzlich Nummer Eins: Bergers steile Karriere beim DFB
Berger macht deutlich, dass sie nie wirklich damit gerechnet hat, einmal zum A-Nationalteam zu gehören. Sie durchläuft nicht die typischen DFB-U-Teams, zieht früh ins Ausland, möchte ihren eigenen Weg als Torhüterin gehen und kommt lediglich auf ein einziges U19-Länderspiel. In ihrer Biografie erfahren wir hautnah, wie Berger die Olympischen Spiele 2024 und die Europameisterinnenschaft 2025 als Nummer Eins im Tor erlebt hat. Mit tagebuchähnlichen Einschüben zu ihrer Gefühlslage während einzelner Spiele beschreibt sie eindrücklich, wie sie diese außergewöhnlichen Momente erlebt hat und gewährt dabei auch Einblicke in das Teamgefüge.

Die Biografie ist insgesamt wunderbar lesbar, nahbar und eindrucksvoll. Ich fand besonders spannend, wie Berger über das Torhüterinnenspiel spricht und welche Erfahrungen an ihren verschiedenen Stationen dazu geführt haben, dass Paraden wie die im EM-Viertelfinale überhaupt möglich wurden. Sie berichtet auch, wie sie und Jess Carter sich in Birmingham kennengelernt haben und endet das Buch mit einem sehr unterhaltsamen Wunsch bezüglich der Trikotgestaltung.
Fotos Beitragsbild: Foto Mary Earps: IMAGO/Zachary Locke; Foto Ann-Katrin Berger: IMAGO/Ulmer
