
Türchen 9. Despelote: Fußball-Game über Kindheit in Ecuador
Despelote steckt euch in die Perspektive des achtjährigen Julián in Ecuadors Hauptstadt Quito im Sommer 2001, rund um die historische erste Qualifikation des Landes für die Fußball-WM der Männer. Ein narratives Fußball-Spiel über unscharfe Erinnerungen und wie es sich anfühlt, ein Kind zu sein. Rezension.
Ich glaube, selbst gemessen daran, dass die menschliche Erinnerung sowieso lücken- und fehlerhaft ist, bin ich im Vergleich zu anderen Menschen in meinem Leben sehr schlecht darin, mich zu erinnern. Aber gerade in Bezug auf Fußball haben sich ein paar Kindheitserinnerungen eingebrannt, von Volley-Schüssen gegen eine nasse Mauer; vom aufgeregten Klettern über Zäune, um den Ball zurückzuholen, bevor es Ärger vom Nachbarn gibt.
Oder wie wir abends im Sommer im Garten meiner Tante grillen und ich länger aufbleiben darf als sonst und mein Vater und mein Onkel, Schalke-Fans seit ihrer eigenen Kindheit, plötzlich jubelnd aus der stickigen kleinen Kellerbar in den Garten gerannt kommen, das Radio schallt hinter ihnen in den Hof, und sich kurz darauf bitterlich weinend in den Armen liegen – diese fiese Meisterschaft der Herzen.
Doch bei genauerem Nachdenken passen bei diesen letzten Bildern mehrere Dinge nicht zusammen: Schien nicht doch die Sonne? War ich nicht schon älter? Gab es nicht irgendwo einen Fernseher? In meinem Kopf haben sich der UEFA-Cup 1997, da war ich noch keine sieben Jahre alt, und die Saison 2001 vermischt. Trotzdem mochte ich das Gefühl. Ein bisschen so ist Despelote.
Das Spiel ist in knapp zwei Stunden durchgespielt, wer also die Prämisse spannend findet, absolut gar keine Spoiler lesen möchte und es sich leisten kann, sollte es einfach ausprobieren. Ich fand es nicht so allumfassend berauschend wie viele der Rezensenten (kein Entgendern nötig), aber definitiv kreativ und auf gute Art anders. Wer also Spaß daran hat, sich von etwas experimentelleren Indie Spielen überraschen zu lassen: Bei Steam gibt es noch bis zum 16. Dezember einen Sale, der Preis liegt bei knapp über 9€.
Bewusste Anachronismen und unscharfe Kindheitserinnerungen
Die Personen in Despelote können eigentlich noch gar nicht wissen, dass Ecuador kurz vor einer unwahrscheinlichen Qualifikation zur WM 2002 in Japan und Südkorea steht oder wie die dafür nötige Gruppenkonstellation am Ende aussieht. Sie reden darüber aber trotzdem so: „Noch fünf Punkte bis…“.
Despelote ist erhältlich für PC (Steam), Mac, PlayStation und Xbox. Eine Nintendo Switch-Version ist für den 13. Januar 2026 angekündigt.
VÖ: 01. Mai 2025
Entwickler: Julián Cordero, Sebastian Valbuena
Publisher: Panic
Diese Anachronismen sind bewusst gesetzt, denn die Unschärfe des Erinnerns ist das Herzstück des Spiels von Julián Cordero und Sebastián Valbuena, das auto-fiktional aus der Perspektive Corderos erzählt wird: teils dokumentarisch, teils Wunschtraum, denn tatsächlich war er nicht alt genug, um sich selbst gut erinnern zu können.
Visuell setzt Despelote diese Ambivalenz perfekt um. Die Straßen Quitos wurden dreidimensional eingescannt, werden aber mit einem grobkörnigen Farbfilter dargestellt. Je verschwommener die Erinnerung, desto gröber das Bild. Personen und Gegenstände, die dem kleinen Julián wichtig sind, werden als handgezeichnete schwarz-weiß Skizzen dargestellt und heben sich damit deutlich vom Rest ab. Und wir als Spieler*innen wissen dadurch, womit wir interagieren können: Spielzeuge, Poster, etc.

Einzigartige Optik erinnert an Zines
Auf Screenshots kommt diese Ästhetik nicht ganz so toll rüber, wie im bewegten Spiel. Mich erinnert es ein bisschen an Zines, die auf buntes Papier fotokopiert wurden, das hat mich sofort angesprochen. Mich freut es immer, wenn Entwickler*innen mal etwas machen, das nicht aussieht, wie aus dem Baukasten. Gleichzeitig fand ich Despelotes verkleinerte Version von Quito dadurch manchmal desorientierend und war mir nicht sicher, inwieweit das bewusst auf die Kinderperspektive einzahlen sollte oder nicht.


Die Stadt wird im Spiel durchstreift, mal an der Hand von Juliáns Mutter und mal zusammen mit einer Gruppe von Bolz-Freund*innen. Das zu erkundende Areal ist nicht riesig, aber es gibt einige Gespräche, denen man lauschen kann, in den Schaufenstern der Geschäfte stehen Fernseher, die Teile der Fußballspiele Ecuadors in der WM-Quali zeigen. Hin und wieder gibt es auch andere Szenen, zum Beispiel eine Hochzeit, die Braut möchte auf gar keinen Fall, dass der Fernseher mit dem parallel laufenden Spiel angemacht wird, am Ende versammelt sich trotzdem eine Gruppe davor und Julián kickt Ballons durch die Gegend.
Die Sprachausgabe ist Spanisch, es gibt aber u.a. deutsche und englische Untertitel bzw. Sprechblasen. Julián selbst spricht nicht und ist als Kind an vielen der Themen sowieso nicht interessiert, wie zum Beispiel den Nachwirkungen von Ecuadors extremer Wirtschaftskrise ungefähr um diese Zeit. Dieser Kontext wird hin und wieder angetippt, ich hätte es bereichernd gefunden, wenn man über Alltagsauswirkungen davon im Spiel noch etwas mehr erfahren könnte.

Etwas schwerfällige Steuerung beim Schießen
Die Steuerung beim Schießen des Balls fand ich sperrig und ungenau, man muss die Maus oder den Gamepad-Stick zurückziehen, wie zum Ausholen. Das fühlt sich selbst für die Figur eines kleinen Kindes, das kein Fußballprofi ist, etwas zu schwerfällig an. Es gibt außerdem noch ein Fußballspiel im Spiel, das Julián an der Konsole zockt, auch das fühlt sich nicht so gut an, wie es könnte.
Mich stört nicht, dass es im Spiel „wenig zu tun gibt“ (immerhin habe ich anno dazumal meine Masterarbeit über sogenannte „Walking Simulatoren“ geschrieben), aber der Spaß am Fußball transportiert sich eben für mich nicht so richtig und das ist schade. So kommt Spaß für mich als Spielerin vor allem dann auf, wenn ich mit Julián Quatsch machen kann, der seinen Eltern nicht gefällt oder älteren Teenagern ihren Ball klauen. Dieser Wechsel aus an der Hand geführt werden und freier Entscheidung ist aber ein gutes Detail und verstärkt das Gefühl, als Kind durch den Fußball „auszubrechen“.
Frauen- und Familienfiguren im Spiel in Bezug auf Fußball
À propos Eltern: Am häufigsten taucht Juliáns Mutter auf, während der Vater – beide sind Filmschaffende – irgendwann einfach nicht mehr vorkommt. Die Mama setzt einerseits die Regeln, ist teilweise in den späteren Passagen nah am Klischee der kontrollierend besorgten Mutter und ist unzufrieden, wenn wir Spieler*innen als Julián gegen ihre Regeln verstoßen. Sie ist trotzdem liebevoll und scheint etwas mehr über Fußball zu wissen als der Vater. Andererseits heißt es an einer Stelle, dass niemand von beiden auch nur einen Spieler aus Quito beim Namen nennen könnte.
Juliáns kleine Schwester scheint sich gar nicht für Fußball zu interessieren, die beiden haben eine typische Geschwister-Dynamik, wobei Julián ihr nicht beispringt, wenn seine Freund*innen gemein zu ihr sind. Generell sind Kinder und Jugendliche in Despelote nicht immer nur nett und süß. An einer Stelle gibt es sogar die Verwendung von schwul als Abwertung, was zwar nicht direkt kommentiert, aber negativ konnotiert ist.

In allen fußballspielenden Kindergruppen ist immerhin ein Mädchen dabei, aber wenn es um Spitzenfußball geht, ist es immer der von Männern gespielte gemeint, eine Referenz auf den Fußball der Frauen in Ecuador konnte ich nicht finden. Dabei ging es mit dem Nationalteam ab 1995 los.
Ausgezeichnetes Sounddesign…
Richtig stark und tatsächlich beim Independent Games Festival auch schon mit einem Preis ausgezeichnet ist das Sounddesign. Dafür wurden z.B. an realen Orten in Quito Soundscapes aufgezeichnet und auch tatsächlich fußballspielende ecuadorianische Kinder und ihre Gespräche. Es gibt überlappende Unterhaltungen, Straßenlärm, Vogelgezwitscher, tolle Sprecher*innen und einen wirklich guten Soundtrack. Das alles zusammen erweckt die Umgebung zum Leben.
Weniger gut funktioniert haben für mich einige der kreativen Entscheidungen rund um die auto-fiktionale Perspektive. Es gibt Einschübe zu einem etwas älteren Julián, die im Ton sehr viel melancholischer sind als die Kindheitspassagen. Über diesen Kontrast hinaus geben sie der ganzen Sache aber nicht so viel, weil diese Sequenzen nicht richtig relevant sind für die übergreifenden Themen, aber auch nicht spezifisch und subjektiv genug für einen persönlicheren Zugang. Die Entwickler durchbrechen dann gegen Ende sogar komplett die vierte Wand und sprechen teilweise über den Entstehungsprozess.
…aber nicht alle kreativen Entscheidungen greifen
Das ist erstmal spannend, weil es ungewöhnlich ist und wurde vielfach gelobt – gleichzeitig kreist damit Despelote bzw. Julián Cordero aber auch doll um sich selbst und mich persönlich hat das gestört, obwohl mich diese Informationen interessieren. Das ist für manche vielleicht ein merkwürdiger Kritikpunkt an einem Spiel über Erinnerungen. Ich hätte mir aber eben gewünscht, dass das Spiel noch weiterführt.


Zum Beispiel gäbe es mehrere Anknüpfungspunkte, um sich mit Sport in Verbindung mit Nationalstolz auseinanderzusetzen oder allgemein damit, was eine Erwachsenenperspektive und mehr Wissen im Nachhinein mit Kindheitserinnerungen machen. Oder wie sich das Bild von früheren (Sport-)Held*innen mit dem älter werden wandelt, dafür hätte sich die Geschichte des damaligen Trainers Hernán Gómez angeboten, siehe umliegende Reihe von Bild-Untertiteln.


So regt das Spiel zwar zum Nachdenken an und überträgt stellenweise die Fußball-Begeisterung, hat mich aber nicht völlig überzeugt. Doch wie eingangs schon geschrieben ist Despelote einfach mal etwas anderes, nicht nur, aber besonders unter den Spielen mit Fußballbezug. Es gibt die alljährlichen FIFAs bzw. EA FCs, mit minimalen Veränderungen, problematischen Mikrotransaktionen und dem inzwischen abgeschafften Story Modus, der kein Profifußball-Klischee ausließ. Auf der anderen Seite gibt es Zahlenungetüme wie den Football Manager. Und nichts gegen Management-Spiele, ich hoffe, FM 26 bald auch noch richtig ausprobieren zu können, mit Hinblick auf den Fußball der Frauen.
Aber Fußball ist eben mehr als Spektakel und Daten. Hin und wieder gibt es satirische Betrachtungen des Fußballbusiness, also Abbildungen, Zerrbilder oder auch Verlängerungen einer ganz bestimmten Profifußballkultur. Aber nur sehr wenige Spiele über Fußball als von Menschen gelebtem Teil von Kultur, das macht Despelote besonders.
Beitragsbild und alle Screenshots: Despelote/Panic
