
Türchen 5. Zwei Wege zur verlorenen Geschichte – Jamaika und Hawai‘i im Spiegel des Frauenfußballs
Nach fast fünf Jahren recherche haben wir – Franzi und Sascha – einen wissenschaftlichen Artikel geschrieben. Wie kam es dazu und wie entdeckten wir die verlorene Frauenfußball-Geschichte zweier sehr unterschiedlicher Inseln?
Als Legende Verloren sind wir immer auf der Suche nach Geschichten: Wir wälzen Archive, sammeln Daten, lesen alte Magazine, um besser zu verstehen, wie der Fußball der Frauen sich in den letzten über 100 Jahren entwickelt und organisiert hat. Immer wieder beginnt diese Forschung nicht mit einem Konzept, sondern mit einer Erinnerung. Mit einem Bruchstück. Einem vergilbten Zeitungsausschnitt oder einer beiläufig erzählten Anekdote, die einen nicht mehr loslässt.
So begann auch unsere Arbeit an unserem ersten gemeinsamen wissenschaftlichen Artikel über den Fußball der Frauen in Jamaika und Hawai‘i – zwei Inseln, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Und doch verbindet sie etwas Grundsätzliches: die Frage, wie Frauen ihren Platz in einem Sport behaupten, der sie lange ignoriert hat und dann ausgeschlossen hat – und was geschieht, wenn der von Männern organisierte Teil des Sports sie schließlich „integriert“.
Jamaika – Archive als Zeitmaschine
Sascha hat seine Spur seit 2021 in Jamaika verfolgt, genauer gesagt: im digitalen Archiv des Jamaica Gleaner. Die älteste, kontinuierlich erscheinende Zeitung in den Amerikas, öffnete ein Jahrhundert karibischer Sportgeschichte in Schlagzeilen. Sascha suchte nach den ersten Spuren von Frauen, die Fußball spielten – nach Begriffen wie „Ladies Football“, „Girls Soccer“ oder „Women’s Football“ – und fand Berichte, die von Faszination, Spott, Anerkennung oder Neugier erzählten. Daraus entstand ein Artikel bei Forgotten Heroines, einem internationalen Blog von Franzi und Sascha.

Erstmals erwähnt wurden fußballspielende Frauen auf Jamaika bereits 1895 und zunächst als Kuriosität dargestellt. Später, ab 1935, wurden vor allem Benefiz-Spiele organisiert. Doch rasend schnell veränderte sich die Sprache: Aus belächelten „Girls“ wurden „Players“, aus „Exhibition Matches“ echte Wettbewerbe. Das Vokabular selbst verriet den Übergang von Duldung zu Akzeptanz. Schon 1937 spielten Frauen auf der ganzen Insel und organisierten sich in Ligen.
Doch Archive erzählen immer nur das, was eine Redaktion festhält – und verschweigen, was nicht in die dominante Erzählung passt. Und so verschwand 1939 der Fußball der Frauen schlagartig wieder aus den Schlagzeilen im kolonial geprägten, patriarchalen Jamaika. Als der Jamaikanische Verband (JFF) den Frauenfußball in den 1990er Jahren nach einem Comeback des Sports schließlich „integrierte“, geschah dies nicht im Sinne der Gleichberechtigung, sondern als Übernahme.
Die männlichen Strukturen blieben, die zuvor mühsam aufgebauten Strukturen im Fußball der Frauen wurden faktisch zerschlagen.

Mehrfach nahm das Land nicht an WM-Qualifikationen teil oder der Fußball der Frauen wurde ganz offiziell komplett eingestellt.
2014 waren die Spielerinnen dann so verzweifelt, dass sie Cedella Marley, Tochter von Bob Marley und Geschäftsführerin seines Erbes, um Hilfe baten. Seitdem finanzierte sie den Sport auf der Insel fast vollständig – und führte Jamaika zu zwei Weltmeisterschaften – bis auch sie schließlich 2024 ausstieg, weil der Verband die Spielerinnen schlecht behandelte. In Jamaika bedeutete Integration in die Strukturen bisher vor allem Kontrolle – nicht Teilhabe.
Hawai‘i – Erinnerungen als Quellen
Franziska ging einen ganz anderen Weg. Ihr Ausgangspunkt war ein Gespräch, keine Quelle im Archiv. Für unseren Podcast Legende Verloren sprach sie 2020 mit Sandra Hoffmann, ehemaliger Spielerin des VfL Ulm/Neu-Ulm. Hoffmann erzählte beiläufig, dass in den 1990er Jahren ein Team aus Hawai‘i in Ulm zu Gast war – und gegen sie spielte. Weder Sandra Hoffmann noch wir fanden jedoch irgendeine Presseberichterstattung, Dokumentation oder auch nur ein Ergebnis dieses Spiels.
Diese winzige Erinnerung war der Beginn einer jahrelangen Spurensuche. Wer waren diese Spielerinnen aus Hawai’i? Warum waren sie in Deutschland? Und was verriet dieses Spiel über den Frauenfußball auf Hawai‘i?
Wir konnten das Rätsel nie ganz lösen – wir wissen bis heute nur, dass ein Team in Hawai’i damals einen deutschen Trainer hatte, der die Reise organisierte. Die Recherche führte Franzi aber zu einer Reihe von Interviews mit ehemaligen Spielerinnen, Oganisatorinnen und Aktivistinnen der Pazifikinseln – sie sprach mit mehreren Gründerinnen der Women’s Island Soccer Association (WISA), aber auch mit dem Präsidenten des indigenen Fußballverbands der Inseln. WISA wurde 1972 als vermutlich erster Verband für den Fußball der Frauen in Hawai’i gegründet, um den Sport unabhängig vom Männerverband aufzubauen. Über Jahre hinweg sprach Franzi nun mit den Gründerinnen des Verbandes, tauschte sich per Mail aus und erhielt dann irgendwann sehr überraschend sogar die originalen Gründungsdokumente des Verbands. Ein Stück Geschichte.
Als sich die Puzzlestücke langsam zusammenfügten, war klar: Eher zufällig hat Franzi ein Oral-History-Projekt durchgeführt. Die Stimmen der Zeitzeuginnen zeigten, dass sich Frauenfußball auf Hawai‘i ganz anders entwickelte als in Jamaika: selbstorganisiert, bewusst außerhalb bestehender Strukturen, aber immer im engen Austausch mit der Regierung der Inseln und der Leitung des Männer-Verbands. Schon früh, sehr früh, reiste ein Nationalteam von Hawai’i so für Länderspiele nach Tahiti oder lud die Nationalmannschaft aus Taiwan zu sich ein. Als der US-Verband USSF den Fußball der Frauen viel später institutionalisierte, wurde WISA „eingegliedert“ – einvernehmlich und durchaus freundschaftlich. Doch der Preis war der Verlust der eigenen Unabhängigkeit – und damit auch das Ende einer hawai’ianischen Auswahl. Erst 2024 spielte wieder eine Auswahl Hawai’is international: Der indigene Verband Hawaii Football Association, der heute außerhalb der Strukturen steht, organisierte ein Spiel gegen Maori aus Aotearoa (Neuseeland).



Zwei Methoden – ein gemeinsames Ziel
Am Ende haben wir die beiden Methoden der Geschichtsschreibung vereint: Archivforschung und Oral History. Das Ergebnis war unsere erste wissenschaftliche Arbeit, die Anfang kommenden Jahres in einem renommierten Fachblatt erscheint. Nach fast fünf Jahren wurde unsere Schatzsuche zur Wissenschaft.
In Jamaika lässt sich der gesellschaftliche Wandel über Presseberichte nachvollziehen, während auf Hawai‘i Geschichte fast ausschließlich in Erinnerungen fortlebte. Beide Wege sind gleichwertig – sie zeigen, dass historische Forschung nicht nur auf Quellen beruht, sondern auf Perspektiven.
Gemeinsam wollten wir verstehen, was passiert, wenn der Fußball der Frauen in männerdominierte Strukturen integriert wird. Die Antwort, so unterschiedlich die Fälle auch sind, ähnelt sich: Integration bedeutete in beiden Kontexten den Verlust von Handlungsspielräumen. Was als Fortschritt verkauft wurde, war oft die Entmachtung einer lebendigen, selbstbestimmten Bewegung. In Jamaika führte dies für Fußballerinnen zur Katastrophe, in Hawai’i vor allem zum Strategiewechsel: Der Fokus lag seit der Zusammenführung voll auf der regionalen Entwicklung und Förderung, aber nicht mehr auf eigenen internationalen Abenteuern.
Was bleibt
Für uns war dieses Projekt mehr als ein akademisches Debut. Es war ein Experiment in Zusammenarbeit – zwischen zwei Forschenden, zwei Methoden, zwei Weltregionen. Und es war eine Einladung, Geschichte anders zu denken: als offenes, dialogisches Feld, in dem Archivrecherche und Zeitzeugengespräche sich gegenseitig ergänzen.
Die Geschichten aus Jamaika und Hawai‘i erinnern daran, dass Frauenfußball nicht einfach „entstanden“ ist, sondern erkämpft wurde – gegen koloniale Strukturen, gesellschaftliche Erwartungen und männliche Dominanz. Jede Quelle, jedes Interview, jeder Fund ist ein Beweis dafür, dass Erinnerung nie verschwindet, sondern nur darauf wartet, wiederentdeckt zu werden.
Und vielleicht ist das die eigentliche Lektion dieser Arbeit: Dass Wissenschaft dann lebendig wird, wenn sie zuhört.
Update: Der wissenschaftliche Artikel ist inzwischen im International Journal of the History of Sport erschienen.
Beitragsbild: IMAGO/AAP
