Momoko Tanikawa im Trikot des FC Bayern München. Sie scheint konzentriert eine Spielszene zu beobachten. Foto: IMAGO / DeFodi Images

Türchen 3. Momoko Tanikawa – Technik und Torgefahr


Hinter dem dritten Türchen des Adventskalenders verbirgt sich Momoko Tanikawa vom FC Bayern. Nach ihrer Unterschrift in München wurde die flexibel einsetzbare junge Japanerin
zunächst nach Schweden ausgeliehen. Seit Tanikawa von dort zurück ist, ist das Ausnahmetalent bei den Bayern von der Ergänzungs- zur Unterschiedsspielerin aufgestiegen.

Wer auf der Website des FC Bayern München das Spielerinnenprofil von Momoko Tanikawa aufruft, der bekommt dort Basic Facts zur ihr geliefert, wie etwa ihr Geburtsdatum (07.05.2005), ihre Größe (1,68 m), ihre Rückennummer (18) und ihren Geburtsort (die Großstadt Nagoya in der japanischen Präfektur Aichi). Allerdings bekommt man dort auch eine Information zu lesen, die eigentlich nur dazu dienen kann, Scouts und gegnerische Teams zu verwirren. „Schussfuß: rechts“ steht da. Und darauf sollte nun wirklich keine Abwehr vertrauen, gegen die Tanikawa ins Dribbling geht.

Wer sich auf YouTube ihre Tore ansieht, bekommt mindestens so schöne Links- wie Rechtsschüsse in den Winkel zu sehen. Auch mit dem Kopf und aus dem Strafraumgewühl heraus trifft Tanikawa hin und wieder. Wenn die flexibel einsetzbare Offensivspielerin auf dem Feld eine Chance zum Torabschluss sieht, dann ergreift sie sie.

Mit dem Fußballspielen beginnt Momoko Tanikawa als kleines Mädchen, nachdem sie erlebt hat, wie die japanischen Frauen 2011 Weltmeisterinnen wurden. So ist es jedenfalls in einem FIFA-Text anlässlich der U17-WM 2022 zu lesen. Bei diesem Turnier weckt Tanikawa das Interesse europäischer Topklubs. Die junge Japanerin trifft in jedem der drei Vorrundenspiele ihres Teams sowie im knapp verlorenen Viertelfinale gegen Spanien. 

Erfahrung sammeln beim FC Rosengård

Als junge Spielerin wird die vielseitige Tanikawa in die JFA Academy Fukushima aufgenommen, ein renommiertes Nachwuchsprogramm des japanischen Fußballverbandes. Trotz kolportierter Angebote aus England, Spanien und Frankreich folgt sie im Sommer 2023 einer Einladung des FC Bayern, trainiert probeweise eine Woche lang mit dem Team des damaligen Cheftrainers Alexander Straus und unterschreibt schließlich Anfang 2024 einen Vertrag in München. Tanikawa begründet das so: „Ich kenne den FC Bayern seit ich ein kleines Mädchen bin und als das Angebot aus München kam, war ich überglücklich. Ich hatte auch andere Optionen, aber als sich der FC Bayern gemeldet hat, war die Entscheidung schnell gefallen.“

Um Spielpraxis zu sammeln und sich an den europäischen Fußball zu gewöhnen, geht die 18-Jährige nach ihrer Unterschrift in München erstmal per Leihe nach Malmö zum FC Rosengård. Beim schwedischen Rekordmeister spielt mit Mai Kadowaki zu diesem Zeitpunkt bereits eine Landsfrau von Tanikawa. Die beiden kennen sich aus gemeinsamen Wohnheim-Tagen in Japan. Während Kadowaki in einem Doppel-Interview im Boulevardblatt „Aftonbladet“ von eigenen Anlaufschwierigkeiten in Schweden erzählt, sagt Tanikawa: „Mai war ja schon hier als ich kam. Ich habe seit meiner Ankunft fast nur unglaublich bereichernde und schöne Tage erlebt.“ 

Momoko Tanikawa und Caroline Seger feiern gemeinsam den Meistertitel mit dem FC Rosengård. Tanikawa hält den Meisterschaftspokal in der rechten Hand, Seger trägt einen goldenen Hut. Foto: IMAGO / TT
Meisterhaft: Momoko Tanikawa und Caroline Seger beim FC Rosengård. Foto: IMAGO/TT

Gleich in ihrer ersten Saison in Europa wird die junge Japanerin zu einer Schlüsselspielerin des FC Rosengård. In 20 Ligaspielen steht sie immer in der Startelf, erzielt 16 Tore und bereitet drei weitere vor. Dazu kommen drei Treffer im Pokal. Im November 2024 wird Rosengård schwedischer Meister und Tanikawa – meist als Acht im zentralen Mittelfeld eingesetzt – hat großen Anteil daran. Therese Sjögran, zu der Zeit Sportchefin des Vereins, sagt im „Aftonbladet“ über die Japanerin: „Wenn sie will, alles läuft wie geplant und die Sterne günstig stehen, kann sie die Beste der Welt werden.“

Harte Konkurrenz im Münchner Mittelfeld

Tanikawa wird in der Damallsvenskan zur Mittelfeldspielerin des Jahres gewählt. Die schwedische Fußball-Legende Caroline Seger, die an ihrer Seite die letzte Saison ihrer Karriere spielt, sagt bei der Preisverleihung über ihre junge Teamkollegin: „Ich glaube nicht, dass es eine bessere Fußballspielerin gibt als sie.“ Tanikawa bedankt sich und erklärt bescheiden, die Zeit in Schweden sei „ein Jahr der Freude und des Lernens“ gewesen. 

Tanikawa von hinten im Japan-Trikot, auf dem Rasen kniend und zur Schiedsrichterin im Hintergrund gestikulierend. Mit der linken Hand zieht sie an ihrem Trikot, mit dem rechten Arm zeigt sie zur Seite.
Auch im Nationalteam steigen Tanikawas Einsatzzeiten. Japans Freundschaftsspiel gegen Italien Ende Oktober in Como endet 1:1. Weil Tanikawa schwer zu stoppen ist, wird sie häufig gefoult. Foto: IMAGO/NurPhoto

Kurz darauf geht es für das Top-Talent zurück nach München. Dort angekommen, muss die inzwischen 19-Jährige erstmal auf der Bank Platz nehmen. Das Münchner Mittelfeld ist gespickt mit Nationalspielerinnen wie Georgia Stanway, Sarah Zadrazil, Julia Zigiotti Olme, Sydney Lohmann und Alara. Kurz nach Tanikawas Ankunft stößt auch noch die Italienerin Arianna Caruso dazu. 

Ihr Pflichtspieldebüt für den FC Bayern gibt Tanikawa im Februar 2025. Gegen Hoffenheim wird sie in der Nachspielzeit eingewechselt. Drei Tage später folgt ein Auftritt, der bei den Fans große Erwartungen weckt: Die Bayern-Frauen liegen im Viertelfinale des DFB-Pokals gegen Eintracht Frankfurt mit 0:1 hinten als Tanikawa in der 85. Minute aufs Feld kommt. Fünf Minuten später fällt der Ausgleich. In der 104. Minute tanzt Tanikawa drei Frankfurterinnen aus und legt den Ball von der Grundlinie auf Glodis Vigosdottir ab – 2:1 für Bayern. Das 3:1 erzielt die Japanerin mit einem Linksschuss aus 20 Metern selbst. Bayern gewinnt mit 4:1. 

„World Sevens Football“: Tanikawa nutzt die Bühne

Doch auch danach bleibt Tanikawa unter Alex Straus Teilzeitkraft. Nur einmal darf sie bei ihm durchspielen: Im Champions-League-Rückspiel gegen Olympique Lyon, das mit 1:4 verloren geht. Tanikawa verletzt sich dabei am Sprunggelenk und fällt vier Wochen aus.

Momoko Tanikawa im Sprintduell mit Anna Gerhardt vom 1. FC Köln. Foto: IMAGO / Sports Press Photo
Unter José Barcala ist Momoko Tanikawa (hier im Duell mit Anna Gerhardt) Stammspielerin. Foto: IMAGO/Sports Press Photo

Beim Kleinfeldturnier „World Sevens Football“ im Mai ist sie jedoch wieder dabei. Während sich viele Starspielerinnen der Bayern im portugiesischen Estoril für die Europameisterschaft schonen und ihr Team beim Sieben-gegen-Sieben lieber vom Spielfeldrand aus anfeuern, nutzt Tanikawa die Bühne des Social-Media-optimierten Formats und zeigt auf dem engen Raum, was sie ausmacht: feine Technik, Geschmeidigkeit, Beidfüßigkeit und Torgefahr.

Tanikawa erzielt die meisten Treffer des Turniers und wird als beste Spielerin mit dem Goldenen Ball ausgezeichnet. Der FC Bayern gewinnt das Finale gegen Manchester United und kassiert insgesamt 2,5 Millionen US-Dollar an Prämien.  Geld das bei der Fülle an demnächst auslaufenden Verträgen im Bayern-Kader sicher nicht schaden kann. Eine der ersten Spielerinnen, bei denen der Verein jetzt entschieden hat, zu investieren, ist Tanikawa. Die junge Japanerin hat ihren Vertrag vor Kurzem bis 30. Juni 2029 verlängert.

Für den FC Bayern ist es eine Investition in die Zukunft, die sich bereits in der Gegenwart bezahlt macht. Unter Trainer José Barcala hat sich Tanikawa nicht nur zur Startelf-, sondern auch zur Unterschiedsspielerin entwickelt. Bianca Rech, Direktorin Frauenfußball bei den Münchnerinnen, betonte: „Es hat sich nie die Frage gestellt, ob wir mit Momoko Tanikawa verlängern möchten.“ Ihr Spielstil sei besonders: „Sie sieht Dinge, die nicht jeder auf dem Platz sieht. Es macht sehr viel Spaß, ihr beim Fußballspielen zuzuschauen.“

Beitragsbild: IMAGO/DeFodi Images Foto

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Lisa Seiler ist freie Journalistin. Als Grundschülerin hat sie ihr Taschengeld am Kiosk um die Ecke in den „Kicker“ investiert. Aber nur montags, für mehr reichte es nicht. An Lisas Kinderzimmertür hing jahrelang ein Poster von „Icke“ Häßler. Irgendwann stellte sie fest, dass nicht nur Männer, sondern auch Frauen Fußball spielen können und so kann ihr ältester Sohn heute den Namen „Sjoeke Nüsken“ fehlerfrei aussprechen, weiß, dass es zwei Kopfballungeheuer gibt, nämlich Horst Hrubesch und Alexandra Popp, und kann die Schützin des schönsten Golden Goals der deutschen Fußballgeschichte nennen: Nia Künzer. Reine 1:0-Berichterstattung ist nicht Lisas Ding, dafür mag sie Interviews, die tiefer gehen und den Blick hinter die Kulissen. Unter anderem den hinter die des Fußballs der Frauen.

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