
Vor dem DFB-Bundestag: Rolle rückwärts bei Inklusion und Diversität?
Bei einigen der Anträge vor dem DFB-Bundestag am Freitag steckt die Problematik im Detail. Wer genau hinschaut, entdeckt Regelungen, die gegen Diversität und Inklusion stehen. Auch Transfeindlichkeit wird offenbar.
Das PDF-Dokument mit den Anträgen zum 45. Ordentlichen DFB-Bundestag am Freitag, 7. November, umfasst 137 Seiten. Nimmt man die fünf Abänderungsanträge hinzu, sind es sogar noch mehr. Und es stecken viele Themen darin, die eine intensive Betrachtung wert wären. Was allerdings besonders hervorsticht, ist, wie der Verband die Themen Diversität, Inklusion und Gleichstellung über die Anträge hinweg zurückrollen möchte.
DFB-Präsidium: Der Frauenanteil sinkt wieder
Dabei waren die Wahlen des aktuellen Präsidiums 2022 für viele Beobachter*innen durchaus verheißungsvoll. Nachdem zuvor mit Hannelore Ratzeburg lediglich eine Frau dem Präsidium angehört hatte, wurden im März seinerzeit gleich vier gewählt: Sabine Mammitzsch, als Vizepräsidentin für Frauen- und Mädchenfußball die Nachfolgerin Ratzeburgs. Célia Šašić auf dem neuen Posten der Vizepräsidentin für Gleichstellung und Diversität. Silke Sinning, die sich gegen Rainer Koch durchsetzte und ebenfalls Vizepräsidentin wurde, sowie Heike Ullrich als Generalsekretärin, ein Amt, das sie zuvor bereits interimsmäßig ausgeführt hatte.

Beim anstehenden Bundestag nun wird die Frauenquote definitiv sinken. (Darüber haben wir auch in Becker & Pfeiffer Folge #94 „Koch aus der Kiste“ am 14. Oktober geredet.) Dafür gibt es mehrere Gründe, erstens: Mammitzsch tritt nicht erneut an. Dem Vernehmen nach soll ihr die Idee, nach nur einer Amtszeit bereits aus dem Präsidium auszuscheiden, zumindest nicht alleine gekommen sein. Als ihre Nachfolgerin wurde Ullrich in Stellung gebracht, die dafür ihr Hauptamt als Generalsekretärin aufgibt. Ihr Nachfolger wird wiederum Holger Blask (der seinen Posten als Vorsitzender der Geschäftsführung der GmbH & Co KG parallel weiter ausführen soll). Unterm Strich bleibt nach der Verschiebung also eine Frau weniger – und damit an sich schon zwei weniger, als nach den Wahlen im März 2022. Damals nämlich war Donata Hopfen als DFL-Geschäftsführerin ebenfalls im Präsidium.
Regionalverband Süd gewinnt weiter an Einfluss
Hinzu kommt, dieses soll um einen Funktionär wachsen: Die Zustimmung zum selbst gestellten Antrag Nummer 3, einen zusätzlichen Vizeposten „Strategie“ bis 2029 zu schaffen, gilt als Formsache. Vorgesehen ist Matthias Schöck, Präsident des Württembergischen Fußballverbandes. Somit sinkt die Frauenquote im Präsidium abermals.

Schöck ist als Personalie auch deswegen interessant, weil der mächtige Süddeutsche Regionalverband, ohnehin als einziger mit zwei zugesicherten Vizepräsident*innen, durch ihn noch einen dritten stellen würde. Im Präsidium vertreten ist bereits Ronny Zimmermann (Präsident des Badischen Fußballverbandes und des Süddeutschen RVs), der im September als Vorsitzender der Konferenz der Landes- und Regionalverbandspräsidenten bestätigt wurde – und somit gemäß Satzung als 1. DFB Vizepräsident Amateure vom DFB-Bundestag nur noch bestätigt werden muss. Außerdem gehört mit Silke Sinning die Präsidentin und erste Frau an der Spitze eines Landesverbandes in der Geschichte des deutschen Fußballs – des Hessischen nämlich – zum Präsidium.
Der lange Schatten des Rainer Koch?
Sinning hatte sich 2022 zu dessen eigener Überraschung gegen Rainer Koch durchgesetzt und hat das Amt seither inne. Koch, von Mai 2021 bis zu jenem 44. DFB-Bundestag zum dritten Mal auch kommissarischer Präsident des DFB, 2011 bis 2022 Präsident des Regionalverbandes Süd sowie von 2004 bis 2022 Präsident des Bayerischen Fußballverbandes, inzwischen dessen Ehrenpräsident, ist weiter bestens vernetzt. Und so wirkt es alles andere als zufällig, dass der Süddeutsche Regionalverband die amtierende Sinning nicht nominiert hat, obwohl ihr Hessischer Landesverband sie vorgeschlagen hatte, sondern ihr mit Silke Raml die Vizepräsidentin des bayerischen Landesverbandes als Kandidatin entgegenstellt. Ausgerechnet zwei Frauen müssen nun also gegeneinander ins Rennen gehen, denn: Sinning gibt sich nicht so leicht geschlagen.
Doch diese Wahlthemen sind nicht die einzigen, die wie eine unerklärliche Rolle rückwärts anmuten. Wie bereits bekannt, soll es künftig einen Ligaverband der Frauen-Bundesliga geben. In den ursprünglich vom DFB veröffentlichten Antragsdokumenten war zu lesen, dessen Gründung sei zum 20. Oktober erfolgt. Später wurden diese Unterlagen durch neue ersetzt, die Gründung steht demnach also noch aus.
Ligaverband der Frauen ohne Stimmrecht
Der Ligaverband wird laut Antrag Nummer 6, gestellt durch das Präsidium, ordentliches Mitglied des DFB, aber: Anders als die anderen ordentlichen Mitglieder soll er nur beratend an Sitzungen des Vorstands und des Bundestages teilnehmen, sprich: ohne Stimmrecht. In der Begründung heißt es:
„Um die gemeinsam angestrebte Entwicklung des professionellen Frauenfußballs zeitlich nicht durch komplexe sportpolitische Fragestellungen zu den Stimmverhältnissen im Bundestag und Vorstand des DFB e.V. zu verzögern, soll diese Mitgliedschaft zunächst ohne Stimmrecht in diesen Gremien ausgestaltet sein.“
aus der Begründung zum Antrag
Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Da soll nach jahrelanger Diskussion zu dem Thema der Professionalisierung im Bereich der Frauen endlich ein wichtiger Schritt getan werden, aber dann setzt man die Frauen doch nur an den Beistelltisch. Den dürfen sie dekorieren, mitreden sollen sie aber erstmal nicht. Was für ein peinlicher Vorgang.
Frauen und andere sind wieder mitgemeint
Ebenfalls vom Präsidium kommt Antrag Nummer 8, der zunächst klarstellt, dass jedes Amt im DFB „allen im Personenstandsrecht anerkannten Geschlechtsidentitäten“ zugänglich ist. Bislang ist dort lediglich die Rede von „Frauen und Männern“. Im nächsten Schritt aber soll eine Unsichtbarmachung eben dieser geschlechtlichen Vielfalt erfolgen, indem künftig in den „Ordnungen sowie sonstigen Richtlinien des DFB grundsätzlich die Sprachform des generischen Maskulinums“ Anwendung finden.
Begründet wird das mit einer vermeintlich besseren Lesbarkeit. Unterm Strich steht, dass sich alle Verbandstexte wieder als das lesen, was sie sind: Dokumente von Männern über Männer für Männer. Alles andere ist scheinbar nach drei Jahren mit Trippelschritten in Richtung Fortschritt bereits wieder passé.
Es wäre spannend, zu hören, was eigentlich die Frauen im Präsidium zu diesen Anträgen sagen. Die Mehrheit, um sie womöglich intern abzulehnen oder zu ändern, haben sie schon mal nicht – das wird nach dem Bundestag wie beschrieben umso mehr gelten. Auch die bislang unter „Vizepräsidentin“ festgehaltenen Posten für Frauen- & Mädchenfußball sowie Diversität und Vielfalt sollen künftig auf „Präsident“ lauten (Antrag 14). Einerseits unangenehm, dass genau für diese Themen die Vorannahme bestand, dass Frauen sie ausführen, andererseits bedenklich, wie ihnen nun durch die Bank Sichtbarkeit entzogen wird durch solche Editierungen.
Teilhabe darf nicht zur Debatte stehen
Ganz eklatant dem Bereich Rückschritt ist Antrag Nummer 24 des Bayerischen Landesverbandes zuzuordnen. Dieser bezieht sich auf die Spielordnung, die es Sportler*innen derzeit erlaubt, Spielrecht gemäß ihrer Identität zu beantragen, also für das Geschlecht, mit dem sie sich identifizieren. Eine Änderung, die mit dem Ziel besserer Teilhabe zur Saison 2022/23 eingeführt worden war. Der Bayerische Landesverband fordert nun, einen Zeitpunkt für das Ende von Transitionsprozessen festzulegen – und: Dies zu koppeln an die Änderung des Personenstandregisters.

Zur Begründung werden Aussagen über Hormonwirkung und Biologie angeführt, die mindestens streitbar sind, am Ende gibt man sich wenig Mühe, die eigene Transfeindlichkeit zu maskieren. Das alles noch ganz abgesehen davon, dass Transition ein sehr privater und individueller Prozess ist, wozu auch gehört, frei von äußerem Druck den Moment festzulegen, wann der Eintrag im Personenstandsregister – wenn überhaupt – geändert wird. Gerade in Zeiten, in denen Menschen wieder zunehmend und massiv unter Transfeindlichkeit leiden, ist dieser Eingriff in ihre persönliche Autonomie verheerend.
Dieses Urteil lässt sich für alle angeführten Anträge fällen: Die gesellschaftliche und politische Lage hat sich in den vergangenen Monaten extrem zugespitzt. Sport allgemein und Fußball im Besonderen hat eine Verantwortung, dem mit großer Entschlossenheit laut und sichtbar entgegenzutreten. Mit dieser Art von Veränderungen tut der DFB, wenn sie denn Zustimmung finden, genau das Gegenteil.
Beitragsbild: IMAGO / Nico Herbertz

Beide Podcasts zum Bundestag(kleiner geht es beim DFB wohl nicht 😜) großartigst. Und ja, ich hätte auch das Namensbadge der großartigen Claudia Neumann bei einer Teilnahme an der Verlosung gewählt.
Kleine Story zum Änderungsantrag Wechsel Amateurfußball, kann sein dass ich sie euch auf Mastodon schon erzählt habe. Das B-Jugendteam der Tochter wurde zum Saisonende aufgelöst. Weil man das Trainingszeitenfenster für eine neue Männerzweitmanschaft brauchte. Die Tochter wollte sich dann ein neues Team suchen. Und musste sich jedes Probetraining erlauben lassen. Sie fand ein neues Team. Und plötzlich wollte der abgebenden Verein Geld vom aufnehmenden Verein(oder den Eltern) sonst hätten sie die Freigabe nicht erteilt. Letztlich mussten wir das mit der Drohung uns an die „Presse“ zu wenden eskalieren, sonst hätten wir zahlen müssen. Und plötzlich fand man einen Spieler der andersrum wechseln wollte…
Uns ging es dabei ums Prinzip, wenn man das Mädchenteam auflöst sollte man nicht noch versuchen damit Kohle zu machen.
Das ist ja echt eine komplette Frechheit. Und war mir so ehrlicherweise auch nicht bewusst, also, dass die Abgabe auch gezahlt werden muss, wenn der Verein vorher das Team auflöst. Wow. Wie gut, dass ihr stabil geblieben seid!