
Frankreich: Les Bleues im Umbruch
Deutschland spielt im Nations-League-Halbfinale mal wieder gegen Frankreich, und zwar gleich zweimal: in Düsseldorf (24.10.25, 17:45 Uhr, ARD) und Caen (28.10.25, 21:20 Uhr, ZDF). Ähnlich wie beim DFB steckt das französische Nationalteam in einem Generationen-Umbruch. Und es gibt andere Parallelen.
„C’est la revanche“
„Deutschland steht vor der Tür, es ist die Revanche. Wir können sie nicht noch einmal mit einem Sieg davonkommen lassen“, sagt Real Madrids Angreiferin Naomie Feller in einem Video des französischen Verbandes, das Frankreichs Nationalspielerinnen bei der Ankunft in Clairefontaine zeigt.
Im Leistungszentrum des französischen Verbandes südwestlich von Paris bereiten sich Les Bleues auf die beiden Halbfinal-Spiele in der UEFA Women’s Nations League gegen Deutschland vor. Der Rückblick auf das fesselnde EM-Viertelfinale mit Platzverweis und 6:5 für Deutschland im Elfmeterschießen wird gerade oft bemüht, die französische Perspektive ist natürlich eine ganz andere als die Deutsche. Dabei sind die Ausgangslagen beider Nationalteams gar nicht so verschieden.
Neue Chance für Naomie Feller, Laurina Fazer und Inès Benyahia
Die 23-jährige Rechtsaußen Feller stammt aus Paris und machte dort bei kleineren Vereinen ihre ersten Schritte im Fußball, ihren großen Durchbruch schaffte sie vor ein paar Jahren bei Stade de Reims, eine halbjährige Leihe zu Olympique Lyon war nicht erfolgreich. Aber etwas später, im Sommer 2022, folgte dann mit gerade mal 20 Jahren ein großer Schritt, der Wechsel zu Real Madrid. Direkt in ihrer ersten Spielzeit bei den ewigen Verfolgerinnen Barcelonas stand sie innerhalb einer Spielzeit so viele Minuten auf dem Platz, wie seither nicht mehr und verpasste die WM 2023 im letzten Moment nur aufgrund einer Verletzung.

Seitdem wurde sie immer wieder mal gesundheitlich ausgebremst und ist für Real eine wichtige Rotationsspielerin, schaffte es aber eben bisher nicht dauerhaft an der Konkurrenz vorbei. Deswegen wurde sie ähnlich wie die beiden Mittelfeldspielerinnen Laurina Fazer und Inès Benyahia im Sommer 2025 nicht in den EM-Kader berufen.
Rücktritte und Debütantinnen
„Als Amel und Sandie ausfielen, wollte ich diesen Spielerinnen eine neue Chance geben“, erklärte Cheftrainer Laurent Bonadei seine Nominierungen. Er sei von den beiden Rücktritten von Amel Majri und Sandie Toletti überrascht gewesen, auch wenn Majri bereits länger über ein Ende nach der EM nachgedacht habe.
Sie sei nach ihrer Aussage für die Rolle als erfahrene Ersatzspielerin eingeplant gewesen und sah sich selbst nicht darin. Sowohl sie („eine symbolträchtige Spielerin Frankreichs“) als auch Toletti, eine der Vize-Kapitäninnen in der zur EM neu geschaffenen Hierarchie, habe er unbedingt halten wollen, so Bonadei, der beide mit Worten großer Anerkennung verabschiedete. Ihre Rücktritte beschleunigen einen Generationen-Umbruch, den Bonadei mit teils kontrovers diskutierten Entscheidungen rund um Wendie Renard, Kenza Dali und Eugenie Le Sommer schon vor der EM in Gang gebracht hat. Bonadei habe darüber und andere Dinge nach der EM selbstkritisch nachgedacht. Er fokussiert sich weiter auf die Zukunftsplanung für die WM 2027.
„Man sollte junge Spielerinnen nicht nur um ihrer selbst willen mitnehmen. Wenn sie dabei sind, dann weil sie das erforderliche Niveau haben. Bei gleicher Leistung werde ich immer dazu neigen, die jüngere Spielerin zu nominieren, um langfristig aufzubauen“, so der Trainer.

Das sind Wassa Sangaré und Kysha Sylla
Für die Halbfinalpartien berief Bonadei gleich 26 anstatt 23 Spielerinnen, um auf etwaige Verletzungen direkt reagieren zu können und damit eine größere Gruppe jüngerer Spielerinnen „das Umfeld“ des französischen Nationalteams kennenlernt, in das sie sich bestenfalls zukünftig dauerhaft einfügen sollen.
Dabei sind auch zwei Debütantinnen: Die 19-jährige Wassa Sangaré ist Verteidigerin und eigentlich unter Vertrag bei OL Lyonnes, von dort aber ausgeliehen an die London City Lionesses, Aufsteigerinnen in die WSL und einer der Multi-Club-Ownership-Vereine von Michele Kang. Sie ist Präsidentin von Olympique Lyon und Mehrheitseigentümerin der neu benannten Frauenabteilung OL Lyonnes sowie Mehrheitseigentümerin von Washington Spirit in den USA und wie erwähnt den London City Lionesses in England. Zu Washington Spirit ist die zweite Debütantin von Lyon aus ausgeliehen, die 21-jährige Kysha Sylla aus Marseille.

„Wassa gehört zur vielversprechenden Generation 2006, während Kysha über außergewöhnliche athletische Qualitäten und eine große Vielseitigkeit verfügt. Sie wurde als Mittelfeldspielerin ausgebildet, spielt aber in Washington in einer Dreierkette in der Innenverteidigung“, erzählte Bonadei den französischen Medien, „Diese beiden Spielerinnen können jetzt Erfahrungen sammeln und ihre athletischen Qualitäten einbringen. Sie sind die Gegenwart und die Zukunft des französischen Fußballs in der Defensive.“
Generationenwechsel auf beiden Seiten
Während Sangaré in England Stammspielerin ist, war Sylla lange Zeit Einwechselspielerin und startete erst zuletzt mehrmals hintereinander von Anfang an. Insgesamt sind im aktuellen französischen Kader mit Grace Geyoro (28), die eine der neuen Mittelfeldchefinnen sein soll, sowie Kadidiatou Diani nur noch zwei Spielerinnen mit mehr als 100 Länderspielen. Im deutschen Kader gibt es seit dem Rücktritt von Sara Däbritz keine einzige mehr.
Und auch abgesehen davon gibt es Parallelen beim Blick auf die beiden Kader, denn in beiden Nationalteams stehen größtenteils Spielerinnen der zwei national dominanten Vereine Bayern München und VfL Wolfsburg, bzw. OL Lyonnes und PSG, wobei in Deutschland Eintracht Frankfurt immerhin noch auf drei Spielerinnen kommt. In Frankreich hat diese Rolle gerade Paris FC inne.
Wer es entweder nicht dorthin schafft oder aber der heimischen Liga entwachsen zu sein scheint, spielt im Ausland, hauptsächlich England oder den USA. Während es in den letzten Jahren regelmäßiger französische Spielerinnen als deutsche Spielerinnen gab, die diesen Schritt gegangen sind, hat sich auch dort die Häufigkeit der Wechsel von National-Elf-nahen Akteurinnen in ein anderes Land erhöht.
Und auch das Ergebnis mit Blick auf die Spielzeit ist für diese Spielerinnen Mitte zwanzig überwiegend ähnlich: Nach einem steilen Durchbruch in jungen Jahren folgt eine Phase mit weniger Spielminuten, manchmal bremsen wie bei Feller oder einer Sydney Lohmann Verletzungen, manchmal fehlt auch unabhängig davon der nächste Entwicklungsschritt und manchmal ist die Konkurrenz im Top-Verein einfach zu stark. Diese Erfahrung macht seit einer Weile zum Beispiel Sjoeke Nüsken bei Chelsea. In der WSL wird sie aktuell fast gar nicht eingesetzt und spielt dann in anderen Wettbewerben zum Teil mit anderen ‚Blues‘, die gerade auch nicht viele Minuten bekommen. Nüskens Vertrag wurde trotzdem kürzlich vorzeitig verlängert, sie will sich durchbeißen.
Frankreichs U-Teams sind zuletzt erfolgreicher
Ein Unterschied ist, dass Frankreich mit seinen Jugend-Nationalteams in den letzten Jahren zumindest auf europäischer Ebene deutlich erfolgreicher bei Turnieren abschneidet, als der DFB. Die französische U17 gewann 2023 die EM und war seit 2022 immer unter den Top-Vier. Die U-19 stand in den letzten vier Jahren immer mindestens im Halbfinale der EM, 2025 ging es ins Endspiel gegen Spanien.

Deutschlands U-17 war für die letzten beiden Europameisterschaften gar nicht erst qualifiziert, 2023 war in der Gruppenphase Schluss, nachdem 2022 der letzte von bisher acht Titeln gewonnen wurde. Die U-19 war für die EM 2025 in Polen nicht qualifiziert, 2022 und 2024 ging es nicht über die Gruppenphase hinaus, 2023 wurde der 2. Platz erreicht. Gegen Spanien verloren Kett, Alara und Co erst im Elfmeterschießen. Dieser Unterschied in der Konstanz bei der Ausbildung macht sich in der individuellen Qualität beider A-Nationalteams bemerkbar.
Ein anderer Unterschied ist der Einfluss von Michele Kang auf den Fußball in den Ligen „ihrer“ Vereine in den Ländern, in denen sie aktiv sind. Aber das ist noch ein eigenes Thema.
Man kennt sich: „Sie ist total offen und witzig“
Unter anderem bei Chelsea und Wolfsburg gibt es Begegnungen zwischen diesen Spielerinnen der Generation, die am nächsten dran ist, in Frankreich wie Deutschland die neuen Star-Spielerinnen zu stellen. „Sandy [Baltimore] und Oriane [Jean-François] sind beide eher ein bisschen ruhiger“, erzählt Nüsken in der DFB-PK über ihre beiden Teamkolleginnen, „Sie sind ein bisschen für sich, aber auf dem Platz haben sie unglaubliche Qualität. Gerade auch Sandy über außen ist technisch und im Dribbling stark. Und Oriane sehr durchsetzungsfähig, zweikampfstark. Beides super Spielerinnen, auf die wir aufpassen müssen.“

Oriane Jean-François (24) soll, wenn es nach Bonadei geht, neben Geyoro und Sakina Karchaoui die Zukunft im zentralen Mittelfeld gestalten.
Neu beim VfL Wolfsburg im Team von Janina Minge ist seit diesem Sommer Linksaußen Kessya Bussy (24), die ihr Nationalelf-Debüt 2021 gegen Deutschland gab: „Sie ist bei uns völlig angekommen und total offen und witzig. Ich bin sehr froh, dass sie bei uns in der Mannschaft ist und ich weiß natürlich auch um ihre Qualität. Sie ist extrem schnell, wie viele Französinnen. Wir müssen auf jeden Fall achtsam sein. Wenn sie am Ball ist, ist es nicht so einfach, sie zu stoppen.“
Frankreichs Kader für das Nations-League-Halbfinale
Tor: Pauline Peyraud-Magnin (Juventus Turin), Constance Picaud (FC Fleury 91), Mylène Chavas (Paris FC)
Abwehr: Selma Bacha (OL Lyonnes), Lou Bogaert (Paris FC), Élisa de Almeida (Paris Saint-Germain), Griedge Mbock (Paris Saint-Germain), Thiniba Samoura (Paris Saint-Germain), Wassa Sangaré (London City Lionesses), Alice Sombath (OL Lyonnes), Kysha Sylla (Washington Spirit), Maëlle Lakrar (Real Madrid)
Mittelfeld: Sandy Baltimore (Chelsea FC), Inès Benyahia (OL Lyonnes), Laurina Fazer (San Diego Wave FC), Grace Geyoro (London City Lionesses), Oriane Jean-François (Chelsea FC), Sakina Karchaoui (Paris Saint-Germain)
Angriff: Kessya Bussy (VfL Wolfsburg), Delphine Cascarino (San Diego Wave FC), Kadidiatou Diani (OL Lyonnes), Naomie Feller (Real Madrid CF), Kelly Gago (Everton FC), Marie-Antoinette Katoto (OL Lyonnes), Melvine Malard (Manchester United FC), Clara Mateo (Paris FC)
Beitragsbild: IMAGO/Sports Press Photo. Sandie Toletti umarmt nach dem EM-Gruppenspiel Frankreichs gegen England (2:1) bei der EM 2025 Oriane Jean-François. Rechts Kadidiatou Diani und Alice Sombath, im Vordergrund Selma Bacha, links Melvine Malard.
