Blick ins Stadion an der Hfenstraße vom oberen Teil der Tribüne, auf dem Rasen spielt Essen gegen den HSV. Der Himmel ist grau bewölkt, auf der schräg links im Bild zu sehenden Tribüne ist das Publikum zu sehen, die beiden anderen Tribünen im Bild sind leer.

Wo hakt’s? Analyse zum Saisonstart der SGS Essen

Die SGS Essen ist zum Saisonstart 2025/26 harmlos vor dem Tor, dabei sollte doch gerade die Offensive belebt werden. Was hat sich im Vergleich zur letzten Spielzeit bei der Aufstellung und Ausrichtung verändert? Und wo genau hakt’s?

Eines der ausgegebenen Ziele der SGS Essen vor der Saison 2025/26 war „attraktiver Offensivfußball“. Nun ist es noch sehr früh, festhalten lässt sich trotzdem: Der Saisonstart ging gegen zwei sehr unterschiedliche Teams mit den Tabellendritten der vergangenen Saison von Eintracht Frankfurt (0:5-Niederlage) und den Aufsteigerinnen des HSV (0:0) nicht nur torlos, sondern auch auffällig ungefährlich mit dem niedrigsten Expected-Goals-Wert der Liga über die Bühne. Alle folgenden Daten sind von Fbref, außer wenn anders angegeben.

Der Saisonstart im Kontext

Nach den ersten zwei Spieltagen der Saison 2025/26 steht die SGS Essen mit nur einem Punkt, null erzielten Toren und einem Torverhältnis von minus fünf auf dem 12. Tabellenplatz. Die 0:5-Auftaktniederlage gegen Eintracht Frankfurt war die höchste in der 22 Saisons am Stück währenden Erstligazugehörigkeit des Vereins.

Einen Punkt oder weniger hatte man nach zwei Spieltagen überhaupt erst viermal vorher, vergangene Saison 2024/25, dann 2020/21, als man am Ende in der 12er-Bundesliga immerhin noch den 8. Platz erreichte. Danach muss man lange zurückgehen bis zu den Spielzeiten 2009/10 und 2010/11.

Die kommende englische Woche mit den Spielen gegen Union Berlin und Köln dürfte für die Bewertung des Saisonstarts entscheidend sein. Bisher gab es nach dem dritten Spieltag erst viermal zwei Punkte oder weniger auf dem Konto der SGS und zehnmal fünf Punkte oder mehr, was selbst bei einem Sieg gegen die Berlinerinnen nicht mehr möglich wäre. Sollte Essen also gegen Union gewinnen, wäre es punktestatistisch ein durchschnittlicher Saisonstart, bei Unentschieden oder Niederlage aber gemessen an der eigenen Historie eindeutig ein Schlechter.

Übrigens: In den anfänglichen Erstligajahren der SGS führten Auftaktniederlagen mit vier Toren Unterschied oder mehr für den betroffenen Verein am Ende immer auch zum Abstieg. Das hat sich in den letzten Jahren etwas gewandelt.

Die Ausgangslage: Trainer*innen-Wechsel und Kader

Markus Högner ist vor der Saison nach vielen Jahren in Essen zum BVB gewechselt und die langjährige Spielerin und Co-Trainerin Kirsten Schlosser, deren Vertrag dann nicht mehr verlängert wurde, inzwischen beim VfL Bochum untergekommen. Nachfolger*innen von Högner und Schlosser sollten sein: der vorherige Co-Trainer Robert Augustin als Teamchef, Thomas Gerstner als Trainer und Sportlicher Leiter mit Pro-Lizenz und Britta Hainke als Co-Trainerin. Doch wurde Hainke noch vor Saisonstart „auf eigenen Wunsch“ wieder verabschiedet, in einer ihr gegenüber sehr knappen Mitteilung, und Jessica Wissmann aus dem NLZ des 1. FC Kaiserslautern angestellt.

Augustin und Gerstner teilen sich die Kommunikation nach außen und kennen sich bereits aus Duisburg, wo Augustin unter Gerstner fungierte. Augustin arbeitet gleichzeitig weiter an seiner Lizenz. Eines seiner Ziele für diese Saison ist es, dass das Team sich vom eher Konter-orientierten Fußball 2024/25 umorientiert: „Es war uns ganz wichtig, dass wir das Image ablegen, eine Mannschaft zu sein, die nur hinten verteidigt, die Bälle dann schnell nach vorne spielt und dort meistens nicht vollendet. Dieses Image aus der letzten Saison sind wir in der Vorbereitung losgeworden, ohne den Kader groß zu verändern“, so der Teamchef im Interview bei 11frauen.de.

Noch zu Beginn der Vorbereitung äußerte Augustin bei Reviersport außerdem die Ziele mit diesem offensiven Fußball möglichst mehr Publikum ins Stadion zu locken und für die Zukunft weitere Nationalspielerinnen auszubilden.

Rieke zur Roma, Rückkehr von Feldkamp

Transfertechnisch ist im Vergleich zu vorherigen Saisons wenig passiert, aber die Wechsel fallen ins Gewicht. Sophia Winkler, die sich bei der Nationalelf einen Kreuzbandriss zuzog und bis dahin Chancen auf den EM-Kader hatte, arbeitet inzwischen bei Eintracht Frankfurt an ihrem Comeback. Für das Tor geholt wurde Luisa Palmen aus der 2. Bundesliga von Borussia Mönchengladbach, sie gilt als etwas spielstärker als ihre Konkurrentin Kim Sindermann, die sich aber letztendlich durchsetzte.

Blick in den Essener Strafraum beim Auswärtsspiel in Frankfurt, mehrere Essenerinnen schauen zu ihrer Torhüterin Sindermann, die einen Ball wegfaustet, Mitspielerin Pucks ist vor ihr zum Kopsball gestiegen.
Essens Torhüterin Kim Sindermann mit der Faustabwehr im Spiel gegen Eintracht Frankfurt am 1. Spieltag der Saison 2025/26. Foto: IMAGO/HMB-Media

Jana Feldkamp wurde bereits im April als Neuzugang verkündet und sollte den defensiveren Part in einem zentralen Mittelfeld mit Annalena Rieke bilden, die sich aber Mitte Juli der AS Rom anschloss und dort bisher eine gute Rolle spielt. Dadurch wurde Feldkamp im Nachhinein zum Ersatz für diejenige, die sehr wahrscheinlich ihre Startelfpartnerin geworden wäre. Rieke musste 2024/25 nach dem Piljić -Abgang mehr Defensivaufgaben übernahmen und wäre neben Feldkamp wieder mehr Verbindungsspielerin gewesen.

Als weiterer Neuzugang wurde danach die Belgierin Shari van Belle von Standard Lüttich vorgestellt, die ebenfalls eine solche Verbindungsspielerin sein kann, aber nach den bisherigen Eindrücken ein etwas anderes Profil als Rieke hat und noch etwas Zeit braucht, um sich an die Bundesliga zu gewöhnen. Sie bringt eine gute Geschwindigkeit mit, ihr Passspiel ist bisher noch unauffällig.

Emely Joester schloss sich dem VfL Bochum an. Anja Pfluger, Felicitas Kockmann und Aline Allmann haben ihre aktiven Karrieren beendet, Allmann gehört jetzt als Athletik-Trainerin zum Staff.

Die Verletzung von Lilli Purtscheller

Für Lilli Purtscheller, die sich beim österreichischen Nationalteam Anfang Juli einen Kreuzbandriss zuzog, wurde kein direkter Ersatz verpflichtet. Purtscheller ist eine auffällig exzellente Dribblerin, sie hatte in den letzten beiden Saisons die meisten offensiven Läufe mit Ball (Progressive Carries) und erfolgreichen Dribblings der gesamten Bundesliga, war außerdem in beiden Jahren die meistgefoulte Spielerin, weil sie so schwer vom Ball zu trennen ist. Das bot dann Kowalski viele Versuche für ihre Standards.

Bei den Läufen mit Ball am Fuß in den gegnerischen Sechzehner lag Purtscheller in der Bundesliga auf dem 2. (2023/24) und dem 6. Platz (2024/25). Dazu kommt, dass sie beide Jahre in den Liga-Top-10 der meisten erfolgreichen Tackles und Blocks stand und somit defensiv wichtig war. Sehr gut möglich also, dass ohne diese erneute schlimme Verletzung Purtscheller der SGS trotzdem gefehlt hätte, aufgrund eines Transfers zu einem anderen Verein. Klar ist aber: So jemanden mit einem Transfer zu ersetzen ist für einen Klub wie Essen äußerst schwierig. Es ohne einen Neuzugang zu versuchen, macht das Umverteilen auf viele Schultern zu einer größeren Umbaumaßnahme.

Umstellungen bei den bisherigen Aufstellungen

Ein naheliegender Gedanke wäre, Julie Terlinden zu deutlich mehr Einsatzzeiten kommen zu lassen, nachdem sie zuletzt schon langsam an die 1. Bundesliga herangeführt wurde. Sie ist die einzige klare rechte Flügelspielerin, die gerade im Kader ist. Allerdings war von dem Nachwuchstalent bisher noch gar nichts zu sehen, sie stand bisher genau wie Jette ter Horst gar nicht im Kader.

Stattdessen sollte Beke Sterner von ihrer Rechtsverteidigerinnen-Position eine Station nach vorne Rücken. Das funktionierte in der Bundesliga nur rund eine Viertelstunde, dann musste sie verletzt ausgewechselt werden und wird mit einem Bänderriss (laut NRZ) wohl länger ausfallen.

Sterner ist eine fleißige, laufstarke Spielerin, die gewissenhaft verteidigt, sich als Außenverteidigerin in die Offensive einschaltet und mit ihren Aktionen auch wichtig ist für das Gesamtgefüge im Angriff. Auch nach außen ist sie eine echte Teamplayerin. Sie ist allerdings nicht die Art von Spielerin, die eine Offensive trägt oder etwas Überraschendes macht.

Robert Augustin steht auf dem Rasen mt Händen in der Hosentasche neben Beke Sterner, die auf Krücken gestützt ist und ihren linken Unterschenkel in einer Schiene hat. Beide scheinen sich zu unterhalten.
Robert Augustin und Beke Sterner rund um das Heimspiel gegen den HSV am 2. Spieltag der Saison 2025/26. Sternes Verletzung ist aus der Partie gegen Eintracht Frankfurt. Foto: IMAGO/Sports Press Photo

Sterner in diese Rolle zu stecken wäre also keine Ideallösung gewesen, aber etwas, dass man – auch mangels erfahrener Alternativen im Kader – so machen kann. Ihre Verletzung ist maximal bitter.

Seitenwechsel für Lena Ostermeier

Gegen Frankfurt wurde Leonie Köpp (eigentlich eine Mittelstürmerin) für sie eingewechselt und gegen Hamburg startete dann Maike Berentzen (eigentlich eine Linksaußen) auf der Position Rechtsaußen. Rechtsverteidigerin anstelle von Sterner ist Lena Ostermeier, in der Vorbereitung war hier auch Vanessa Fürst eine Option. Die beiden Außenverteidigerinnen sollen gar nicht unbedingt die Linie entlanglaufen, sondern bei Ballbesitz ins Mittelfeld einrücken. Ostermeier hat das als Rechtsfuß auf der Position der linken Verteidigerin in den letzten Jahren ganz natürlich so gemacht.

Vergangene Saison wurde sie bereits vermehrt als Innenverteidigerin eingesetzt und Paula Flach links, jetzt ist Ostermeier rechts und wieder mal die verkappte Spielmacherin der SGS: Sie hat die meisten Ballkontakte, spielt die meisten Pässe insgesamt und auch die meisten Pässe ins gegnerische Drittel. Von den Feldspielerinnen hat nur Vanessa Fürst eine noch höhere Passgenauigkeit als sie.

Fürst ist nach ihrer Eingewöhnungsphase beim Verein inzwischen egal wo sie eingesetzt wird eine echte Bank. Diese Flexibilität ist eine Stärke, führt aber auch dazu, dass sie bis jetzt nicht „ihre“ Position bekommen hat, sondern häufig da eingesetzt wird, wo der Schuh drückt. Auffällig ist saisonübergreifend auch, dass sie sich, wenn sie im Mittelfeld spielt, häufig für einen möglichen Doppelpass in eine Abschlussposition bringt, aber nur selten den Ball zurückgespielt bekommt.

Positionstausch von Ramona Maier und Laureta Elmazi

Am meisten diskutiert wird der Wechsel von Ramona Maier aus dem Sturmzentrum auf die linke Außenbahn und in die umgekehrte Richtung von Laureta Elmazi. Maier hat sich in der 1. Bundesliga einen Namen gemacht als Pressingstürmerin, die die gegnerische defensive gnadenlos anläuft und selbst dafür häufig einen zu großen Aktionsradius hat. Aber sie hat echte Abstauberinnen-Qualitäten und läuft – mit dem nötigen Platz, um Tempo aufzunehmen – Verteidigerinnen auch mal weg.

In der letzten Saison hatte sie stark an ihrer niedrigen Torausbeute zu knabbern, in der Vorbereitung platzte auf der neuen Position der Knoten. Allerdings ging es da entweder gegen unterklassige Teams oder welche aus der Eredivisie, die qualitativ deutlich unterhalb der Bundesliga steht und vor allem viel weniger physisch ist. Eine Spielerin wie Maier hat es dann also einfacher.

Wenn man vergleicht, gegen welche Teams die Aufsteigerinnen teilweise so getestet haben (andere Bundesliga-Teams, OL Lyonnes, Real Madrid, Aston Villa), wirkt es im Nachhinein so, als habe ein echter Stresstest vor dem Start gefehlt. Und der Ansatz der SGS funktioniert gegen solche Teams, die mitspielen wollen, insgesamt besser. Für das Knacken eines physisch starken Defensivbollwerks fehlt hingegen einiges.

Das Erobern von Bällen durch Maier auf dem Flügel funktioniert gut, sie unterstützt Flach bei der Defensivarbeit stark. Aber Maier ist keine herausragende Passspielerin und kommt durch den Ansatz mit mehr Ballbesitz nicht mehr so oft in die Position, die gegnerische Abwehr zu überlaufen. Das führt dazu, dass Maier gelegentlich Flanken in den Strafraum schlägt, von denen man sich wünschen würde, dass sie selbst in der Mitte stünde, um sie zu verwerten.

Elmazi war in der Vorbereitung teilweise angeschlagen und wirkt bei ihren Sprints noch immer etwas gehemmt, gegen Hamburg musste sie nach einer kurzen Behandlung mit Krämpfen ausgewechselt werden. Ähnlich wie Maier kann sie ihre Geschwindigkeit gerade nicht mehr so zur Geltung bringen, weil weniger auf Konter gespielt wird.

Von der linken Außenbahn wurde sie mit ihrem starken rechten Fuß regelmäßig torgefährlich. Auch wenn die Bewegung von außen nach innen irgendwann ausrechenbar wurde, hat Elmazi die Technik und Geschwindigkeit, um einer Abwehr trotzdem viel abzuverlangen. In der Zentrale muss sie sich noch umgewöhnen und vor allem Abschlüsse mit dem linken Fuß zutrauen können, das ist bisher nicht so.

Laureta Elmazi läuft auf Hamburgs Jobina Lahr zu und legt den Ball mit dem Außenrist an der Verteidigerin vorbei, im Hintergrund schaut eine weitere Hamburger Spielerin auf den Ball.
Laureta Elmazi gegen Hamburgs Jobina Lahr. Foto: IMAGO/frontalvision.com

Die offensiven Drei sollen im Spiel ihre Positionen auch hin und wieder tauschen. Gegen Hamburg führte das dazu, dass Maier sofort auffälliger wurde, als sie phasenweise in der Mitte auftauchte.

Knackpunkt Mittelfeld

Bei einem Spielstil mit mehr Geduld im Aufbau steht und fällt in puncto Torgefahr alles mit dem Mittelfeld. Feldkamp ist als Sechserin seit Jahren eine gute Ballverteilerin, neben ihr können Fürst oder Platner auflaufen und zusammen mit den eingerückten Außenverteidigerinnen – vor allem Ostermeier – ergeben sich daraus gute Kombinationsmöglichkeiten. Aber sobald es über die Mittellinie gehen soll, ist aktuell Schluss, wie auch die Daten weiter unten zeigen. Die Rolle der Kreativspielerin im offensiven Mittelfeld fällt Kowalski zu, die ihrer Form aus der Saison 2023/24 nun schon seit einer ganzen Weile hinterherläuft. Fünf ihrer sechs Treffer der vergangenen Saison waren Elfmeter, Vorlagen erreichte sie vier.

Sie wird häufig lobend herausgehoben, weil ihre Risikopässe und Freistöße spektakulär sind, wenn sie gelingen. Qua Position und Rolle ist es auch verständlich, dass sie einige niedrigere Passquote hat als andere: Risiko ist ihr Auftrag. Es sind aber die kleinen Fußball-Alltagsdinge, die seit einer Weile zu häufig nicht funktionieren, das kurz Anbieten, den Spielfluss mit einem einfachen Ball am Laufen halten, eine einfache Option zu wählen, um danach in einer vielversprechenderen Ausgangsposition zu sein.

Solche Phasen sind in der Entwicklung junger Spieler*innen völlig normal und 2024/25 ließ es sich zum Teil mit der taktischen Herangehensweise erklären, durch die sie außerdem eine defensivere Rolle hatte. Die neue Ausrichtung sollte ihr theoretisch entgegenkommen, gegen Hamburg war davon noch nicht viel zu sehen.

Insgesamt fehlt der SGS mit den ganzen Umstellungen die Balance: Welche von den Außenspielerinnen gibt wann Breite auf dem Flügel? Wann rücken die Außenverteidigerinnen nach innen und wann besser nicht, weil es sonst zu eng wird? Wer besetzt wann den Zehnerinnen-Raum? Wer rückt in den Strafraum nach? Das wirkt noch reichlich unsortiert und führt dazu, dass es zwar viel Ballbesitz gibt, aber nicht da, wo es den Gegnerinnen wehtut.

Vergleichsweise viel Ballbesitz….

Teamchef Robert Augustin zeigte sich nach dem HSV-Spiel überwiegend zufrieden: „Wir haben insgesamt ein gutes Spiel gemacht, müssen aber wie in Frankfurt schon manche Momente noch besser zu Ende spielen. Wir waren phasenweise sehr dominant und hatten deutlich mehr Passstafetten als der Gegner.“

Die SGS hatte gegen den HSV laut Kicker bzw. Opta 65 Prozent Ballbesitz und 77 Prozent der gespielten Pässe kamen an. Während reiner Ballbesitz eher etwas über den angestrebten Spielstil aussagt, sind 77 Prozent angekommene Pässe kein überragender, aber annehmbarer Wert.

Nach nur zwei Spieltagen ist die aktuelle Datenbasis noch sehr klein und Ausreißer nach oben (womöglich das HSV-Spiel) wie nach unten (das Frankfurt-Spiel) können verfälschen. Aber man könnte sagen, dass eine Richtung erkennbar ist: In der Saison 2024/25 hatte Essen durchschnittlich 43,8 Prozent Ballbesitz und nur 68,4 Prozent aller Pässe kamen an – beides waren die drittniedrigsten Werte der Liga.

Gegen Eintracht Frankfurt waren die Essenerinnen viel mehr mit der eigenen Defensive beschäftigt und so ergeben sich aus beiden bisherigen Spieltagen zusammen 52,5 Prozent Ballbesitz (6. Platz in der Liga) und 72,4 Prozent angekommene Pässe (8. Platz in der Liga).

…aber zu selten in gefährlichen Zonen

Was allerdings auch Augustin nicht gefallen kann, ist dass dieser Ballbesitz zu selten im gegnerischen Drittel, geschweige denn im gegnerischen Strafraum stattfindet. Das sieht man sehr schnell, wenn man sich die verschiedenen Passwerte der SGS Essen im Detail anguckt.

Die SGS Essen hat nach dem zweiten Spieltag die viertmeisten Ballkontakte der Liga und in absoluten Zahlen die achtmeisten Ballkontakte im gegnerischen Drittel. Wenn man das aber umrechnet auf den relativen Anteil, also: Wie viel Prozent des eigenen Ballbesitzes findet im gegnerischen Drittel statt? Dann hat Essen den drittniedrigsten Wert aller Bundesligateams. Oder anders ausgedrückt: Viel Aufwand, wenig Ertrag. Bei den Ballkontakten im gegnerischen Sechzehner zeigt es sich schon direkt an den absoluten Zahlen (drittschlechtester Wert) und auch in der Relation.

Kaum Torschüsse, niedrigster Expected-Goals-Wert der Liga

Das führt sich dann natürlich in allen anderen Offensivmetriken so fort: Gemeinsam mit Carl Zeiss Jena hat Essen mit 14 Schussversuchen die wenigsten der Liga, und mit Abstand die wenigsten aufs Tor, nämlich vier. Demgegenüber hat Jena immerhin die Hälfte aller Versuche auch aufs Tor gebracht. Essens 28,6% der Schüsse, die tatsächlich aufs Tor gingen, sind erneut der drittschlechteste Wert der Liga.

Folgerichtig hat die SGS auch die zweitwenigsten Aktionen, die zu Torschüssen geführt haben (24). Und die geringe Anzahl sowie die zum Teil ungünstige Positionierung beim Schuss führen außerdem zum niedrigsten Expected Goals Wert der Liga (0,9). Das verwundert nicht, wenn man sich daran erinnert, dass es in beiden Spielen Situationen gab, in denen Spielerinnen nicht versucht haben zu schießen oder zu lange dafür gebraucht haben.

Dazu kommt dann noch, dass es trotz der in Relation wenigen Ballkontakte im gegnerischen Drittel die drittmeisten Abseitspfiffe gegen Essen gab (fünf, zusammen mit Eintracht Frankfurt), das Timing stimmt also noch nicht.

Und jetzt?

Das größte Problem ist klar erkennbar: Es müssen mehr klar gespielte Bälle in den Sechzehner her und mehr Schussversuche. Der Kader ist sehr dünn besetzt und gibt nicht viele erfahrene Spielerinnen her. Einige der Nachwuchsspielerinnen scheinen zudem gerade keine Option zu sein. Und gleich mehrere Spielerinnen sollen andere Positionen oder Rollen ausüben als vorher. Mit der gewachsenen Konkurrenz in der vergrößerten Liga ist der selbstgeschaffene Anspruch, möglichst „attraktiv“ zu spielen ein Ritt auf der Rasierklinge.

Es ist klar, dass Eingespieltheit unter Wettbewerbsbedingungen vieles mit der Zeit verbessern wird. Ein paar Dinge lassen sich aber einfach verändern. Zumindest den Maier-Elmazi-Positionswechsel sollte man meiner Meinung nach aber trotzdem wieder streichen. Der Wert dieses Tauschs ist für mich nicht größer als die Stärken, um die man beide dadurch beraubt.

Das zu verwerfen, brächte einen Teil der vertrauten Offensivabläufe zurück. Links hätte man dann mit Flach eine Verteidigerin mit starkem linkem Fuß, die sowohl außen bleiben und flanken als auch bei Bedarf nach innen ziehen kann und Elmazi davor, die häufig den Weg in die Mitte sucht. Das lässt sich gut bespielen und je nachdem, wer im offensiven Mittelfeld aufläuft, lassen sich auch Rochaden bilden. Es ergibt sich fast automatisch auch Potenzial eine bessere Strafraumbesetzung als zuletzt. Das ist zusätzlich etwas, wo man auf die Abläufe gucken muss.

Maike Berentzen läuft mit Ball am Fuß und wird von ihrer Gegenspielerin Leni Eggert am Trikot festgehalten, eine weitere Hamburgerin kommt aus dem Hintergrund angelaufen.
Hamburgs Leni Eggert bremst Maike Berentzen aus. Foto: IMAGO/frontalvision.com

Rechtsaußen braucht man, weil Ostermeier zentral eingerückt viel zu wertvoll ist, unbedingt eine Spielerin, die Breite geben und auch mal Flanken spielen kann. Da Julie Terlinden keine Option zu sein scheint, ist Maike Berentzen für mich die klare Kandidatin. Sie ist eigentlich Linksaußen und auch Linksfuß, kann aber gute Flanken bringen und hat selbst schon gezeigt, dass sie torgefährlich sein kann. Kowalski tendiert sowieso zum rechten Halbraum und müsste sie dann als Kurzpass-Option unterstützen, damit sie sich bei Bedarf drehen kann. Köpp hat sich in der zweiten Halbzeit gegen Frankfurt gut reingebissen und wäre erste Wechseloption rechts oder für Maier zentral.

Gegen Hamburg in der zweiten Hälfte waren häufig Meißner und Ostermeier beim Andribbeln durch die Mitte zu sehen, das ist nicht ohne Risiko, kann aber Löcher in eine Abwehr reißen. Damit es nicht wie gegen den HSV Kopf-durch-die-Wand-artig endet, müssen sich aber Spielerinnen für eine Ablage oder einen Doppelpass anbieten, das ist etwas, das man trainieren kann.

Finanziell vermutlich schwierig, aber eigentlich unabdingbar sind ein bis zwei Zugänge im Winter, unabhängig davon, dass Purtscheller und Sterner irgendwann zurückkommen. Nach ihren Verletzungen Wechseloptionen für die beiden zu haben wäre allein schon wichtig und die Saison könnte nicht nur aufgrund der größeren Liga noch sehr lang werden, auch wenn man gegen mitspielende Teams aus dem Mittelfeld der Liga vermutlich besser aussehen wird.

Beitragsbild: IMAGO/anke waelischmiller

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Annika Becker berichtet als freiberufliche Journalistin unter anderem für sportschau.de über die Bundesliga der Frauen und beleuchtet die strukturellen wie sportlichen Themen im Fußball. Seit 2022 gehört sie zur Jury des Guardian für die Wahl der „100 Best Female Footballers In The World“. Becker ist Teil der Crew von „FRÜF – Frauen reden über Fußball“, ansonsten ist als Expertin zum Beispiel im DLF oder bei der BBC zu hören - und natürlich bei "Becker & Pfeiffer - Der Fußballpodcast". An den Wochenenden findet man sie auch privat meist im Stadion, denn Beckers Fußball-Herz schlägt für zwei Ruhrgebietsvereine: den FC Schalke 04 und die SGS Essen.

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