
Vor 100 Jahren: Eine einschneidende Entscheidung
Bei der Generalversammlung des International Football Association Board (The IFAB) im Sommer 1924 wurde beschlossen, zwei mögliche Änderungen der Abseitsregel zu testen, um der Abseitsfalle den Garaus zu machen. In Teil 4 unserer Reihe zur Geschichte der Abseitsregel schauen wir uns die einzelnen Testspiele anhand von Zeitungsberichten über sie an.
Heute sind wir es gewohnt, dass in einzelnen Wettbewerben mögliche Regeländerungen für zwei Jahre getestet werden. Das war vor 100 Jahren noch anders. Überhaupt scheint es, dass die Testspiele 1925 die erste breite, große Teststrecke für eine potentielle Änderung waren und nicht nur eins, zwei Spiele.
Obwohl schon im Sommer beschlossen wurde, zwei Regelvorschläge zu testen, gab es erst am 10. Januar 1925 das erste Testspiel. Die beiden Vorschläge waren:
- zwei Abseitsbereiche in gewissen Abstand zum Tor (so, wie der Strafraum als Bereich, in dem ein Foul zu einem Strafstoß führen kann), zum anderen
- die Veränderung des Wortes „three [of his opponents]“ zu „two [of his opponents]“
Das erste Testspiel
Hier ist der Bericht zum ersten Testspiel überhaupt für die Abseitsregel, das am bereits genannten 10. Januar 1925 zwischen den Amateur-Auswahlteams der West Riding County Association und der Staffordshire Football Association auf dem Gelände von Leeds United stattfand. Hier wurde der Vorschlag mit Abseitsbereichen getestet. Genau gesagt: Jeweils 40 Yards vor dem Tor.
„The first match to be played under the suggested new off-side rule, as sanctioned by the Football Association, took place on Saturday afternoon on the Leeds United ground, between amateur elevens chosen by the West Riding County Association and the Staffordshire Football Association. Two lines were drawn across the field forty yards from each goal, the players being immune from the offside rule until they had crossed these lines.
The experiment was a great success. From the opening of the game play flowed along almost uninterruptedly. There was not a single breach of the rule in the first half, and only about four in the second. At the safe time it must be remembered that the match being of the ‘ordinary’ description, no attempt was made by the defences or the forwards to thwart the experiment. The real test could only be exploited by elevens striving for League points.
Play in the early stages suggested a decided victory for the home eleven. The Yorkshire forwards, well backed up, were a great force up to a point. The Staffordshire backs, however, stood their ground well, and at the end the Yorkshire representatives only triumphed by a single goal. […] Result: West Riding 3 goals, Staffordshire 2 goals.”1
Das liest sich recht euphorisch. „There was not a single breach of the rule in the first half, and only about four in the second“ bezieht sich auf die verhassten Unterbrechungen und Zeitverlust durch die Abseitsfalle. Und ein Artikel zweieinhalb Wochen später bestätigt: Die 40-Yards-Regelung ist die favorisierte Lösung, die auch bei einem weiteren Testspiel am 31. Januar 1925 bei einem weiteren Freundschaftsspiel zwischen Clapton Orient and Wolverhampton getestet wurde.2
Noch einen Schritt weiter ging Arsenal FC und machte im Februar 1925 im Anschluss an ein Testspiel mit beiden Abseitsvarianten – je eine Halbzeit lang – eine Umfrage unter den Zuschauer*innen: 140 von ihnen waren für die Variante mit 40 Yards, 65 von ihnen für die Reduzierung auf zwei Gegenspieler*innen und nur sechs gegen jegliche Änderung.3
Im März wiederholten sie einen solchen Test mit anschließender Befragung. Hier waren 173 von insgesamt 276 für die Variante mit 40 Yards (andere Werte sind im Zeitungsartikel, der mir als Quelle dient, nicht genannt).4
Kritik: Braucht es wirklich eine Regeländerung?
Und doch gab es einige Stimme, die so gar nicht auf eine Regeländerung erpicht waren, vor allem im kontinentalen Europa, das durch die FIFA im IFAB vertreten wurde, damals aber noch durch die Stimmen der vier britischen Verbände überstimmt werden konnte.
Man kann die Stimmen gut folgendermaßen zusammenfassen: Das Spiel habe sich durch diese Abseitsregel modernisiert. Und nur, weil auf den britischen Inseln die Stürmer nicht clever genug seien, um etwas der Abseitsfalle entgegenzusetzen, soll nun weltweit in den Fußball eingegriffen werden? Nie und nimmer kommen die Briten damit durch! Wenn Stürmer*innen “ihren Verstand benutzt” (”used their brains”) hätten, würde man nicht über eine Regeländerung diskutieren. Aber weil sie „sich nicht wirklich darum bemüht” haben (”they had not made a real effort to do so”) ist das Spiel “zu einer Farce” (”to a farce”) geworden.5
Das Motiv der fehlenden Spielintelligenz der Stürmer wird auch im Vereinigten Königreich immer wieder genannt.
Beispielsweise fand L. F. W.: nur weil Stürmer*innen sich weigern, Fußball als Geschicklichkeitsspiel („because forwards refuse to treat soccer as a game of skill“) anzusehen und ihr Gehirn zu benutzen („too idle to use their brains“), wird jetzt vielleicht die Regel geändert werden.6 „The Winger“ fand, dass man keine neue Regel brauche, sondern nur Stürmer*innen, die sich nicht weigern würden, zu denken („because forwards refuse to think“)7 und ein anonyme Person fand, Stürmer bräuchten eine “Denkmütze auf dem Kopf” (”thinking cap should be on the head of every forward. Let him study his new scope for manoeuvre rather than strive for speed”).8
Aus drei mach zwei
Am 13. Juni 1925 fand die nächste Generalversammlung des IFAB statt und trotz der beiden Gegenstimmen der FIFA-Vertreter Delauney und Anton Johannson wurde in der Abseitsregel aus der „drei“ eine „zwei“. Warum man sich gegen das 40-Yards-Abseits entschied ist in dem kurzgegehaltenen Protokoll nicht niedergeschrieben worden.
Kulturpessimismus
Wie schon geschrieben: Auf dem Kontinent war die Abseitsfalle und damit verbundene Spielunterbrechungen kaum bekannt – und die FIFA gegen eine Änderung. Doch gegen alle Stimmen der Briten war die FIFA damals machtlos (das ist heute anders). Die Kommentare waren deshalb größtenteils kulturpessimistisch.
Eine anonyme Person schrieb im Duisburger General-Anzeiger: „Die Regel wirkt nachteilig für den kultivierten Fußball, für das schöne, aber meist langsame Kombinationsspiel, sie ist die Wonne aller Durchbrenner, aller Mannschaften, die sich der ‚Husaren-Taktik‘ bedienen. Sie wird zur Folge haben, daß die Vereine darauf bedacht sein müssen, schnelle, angewandte Stürmerreihen aufzustellen, bei denen es auf blitzschnelles Ausnutzen einer Lage mehr ankommt, als auf technisch sauberes Spiel.“9
Eine andere Person zielt gar auf eine Loslösung vom IFAB zur Wahrung der Eigeninteresse (insbesondere des Amateurparagraphen):
„Wenn hier aber keine Aenderung möglich ist, sollte man sich fragen, ob es nicht besser wäre, sich vom International Board loszulösen. Immer noch besser dies, als daß man die Fußballwelt zwingt, den geschäftlichen Interessen des englischen Professionalfußballes nachzugeben.“10
Vorfreude
Aber: Es gab auch Ausnahmen wie den österreichischen Sportjournalisten Hugo Meisl. Er schrieb im Anschluss an das erste österreichische Meisterschaftsspiel der Amateure mit 10 Mann gegen 11 Admiraner für den Kicker, dass alle pessimistischen Theorien ad absurdum geführt worden waren.
„Gewiß braucht man kein Fußballprofessor zu sein, um schon heute festzustellen, daß in Zukunft auf Grund der Entwicklungsmöglichkeiten der Taktik im Zusammenhang mit de neuen Abseitsregel, Schnelligkeit, Wucht und Schuß Trumpf sein werden. […] Mit Spielintelligenz kann ein allgemein tüchtiger Fußballer seine Schwächen verbergen, dagegen alle Fähigkeiten seiner Mitspieler zur vollen Entfaltung bringen. […] Auch die neue Abseitsregel braucht nicht ein primitives Spiel zur Folge zu haben.“11
Und Meisls Urteil war auch das Urteil vieler anderer Journalist*innen, denn die ersten Spiele nach der Regeländerung zeigten, dass das Spiel schneller und daher die Fitness der Spieler wichtiger wurde. Auch fielen wesentlich mehr Tore als zuvor und es gab schnellere Seitenwechsel. Auch der Kampf um den Ball wurde mehr.12 Eine statistische Auswertung von Erich Chemnitz im Januar 1926 bestätigt die ersten Erkenntnisse: „In Österreich 20% mehr Treffer, in Tschechoslowakei 30%, Schweiz 33%, Deutschland 35%“.13
Wie diese neue Abseitsregel den Fußball langfristig prägte — und welche Diskussionen sie später erneut entfachte — das beleuchten wir im nächsten Teil.
Beitragsbild: IMAGO/TopFoto
- NN: West Riding v. Staffordshire. Successful new off-side experiment. In: The Yorkshire Post (12.01.1925). S. 3. ↩︎
- NN: That Offside Rule. In: The Leeds Mercury (28.01.1925). S. 19. ↩︎
- NN: Offside Rule to change? Public view of what „test“ games have shown. In: The Weekly Dispatch (08.02.1925). S. 10. ↩︎
- ↩︎
- NN: Games reduced to farce by present offside law. Sheffield competitions. In: Sheffield Daily Telegraph (13.05.1925). S. 6. ↩︎
- „L. F. W.“: Offside once mere. In: The Observer and West Sussex Recorder (04.03.1925). S. 7. ↩︎
- „The Winger“: The Games. In: The Observer and West Sussex Recorder (25.03.1925). S. 7. ↩︎
- NN: Off-side revelations: No revolution in tactics. ↩︎
- NN: Nutznießer der neuen Abseitsregel. In: Duisburger General-Anzeiger (23.08.1925). S. 5. ↩︎
- NN: Abseits! [Aus der Dt. Schiedsrichter-Zeitung] In: Echo der Gegenwart (11.07.1925). S. 17. ↩︎
- Meisl, Hugo: Wiener Brief. In: Kicker 37/1925. S. 1309-1312, hier S. 1309 und 1311. ↩︎
- Quellen: NN: Fußball. In: Dortmunder Zeitung (16.06.1925). S. 3. NN: Wiener Sportrundschau. In: Duisburger General-Anzeiger (04.07.1925). S. 10. “Sp.”: Zwei statt drei. Die neue Abseitsregel. In: Dortmunder Zeitung (20.07.1925). S. 10. Chemnitz, Erich: Oh! Dieses Abseits!! Welches werden die Folgen der neuen Abseitsregeln sein? In: Duisburger General-Anzeiger (05.08.1925). S. 12. NN: Fußball. In: Rhein- und Ruhrzeitung Duisburg (15.08.1925). S. 4. NN: Die ersten Kritiker der neuen Abseitsregel. In: Politisches Tageblatt (29.08.1925). S. 14. ↩︎
- Chemnitz, Erich: Abseits im Fußballspiel. Sechs Monate neue Regel. In: Deutsche Allgemeine Zeitung (01.02.1926). S. 5.) ↩︎
