
Das DFB-Team und der Status Quo: Ehrliche Analyse ohne Abgesang
Wer Expert*innen vor dieser Euro in der Schweiz die Frage stellte, wie weit die deutsche Elf kommen werde, konnte sich darauf verlassen, dass in der Antwort ein Begriff vorkam: Wundertüte. Es sei, so die einhellige Aussage, von Vorrunden-Aus bis Titel alles möglich. Das war natürlich Augenwischerei.
Hinter vorgehaltener Hand wurde eher zugegeben, dass die letzten Spiele vorm Turnier, die deutlichen Siege gegen die Niederlande und Österreich, eher wie Ausreißer nach oben wirkten in der Findungsphase unter Neu-Bundestrainer Christian Wück. Daran ist erstmal überhaupt nichts schlimm. Die Frage nach einer Niederlage wie der gegen Schweden, bei der es vor allem um die Art und Weise geht, ist allerdings: Wie wird die Situation aufgearbeitet?

Klar ist, die Probleme gehen über dieses Turnier hinaus. Das ist nicht zwingend ein Anlass für Krisenmodus. Es geht um Einstellung, abermals Aufarbeitung – und Kommunikation.
Die Lage der Ligen
Schauen wir also auf die Lage im deutschen Fußball. Die Bundesliga startet zur neuen Saison erstmals mit 14 Teams. Das wird als Erfolg verkauft, einerseits nachvollziehbar, andererseits weiß noch niemand, wie die Erweiterung sich auf das Gefälle innerhalb des Oberhauses und zur 2. Liga hin auswirken wird. So sehr Wachstum gewollt ist, entsteht doch der Eindruck, es geschieht zu wenig organisch. Kein Wunder, denn dafür bräuchte es substantielle Investitionen über einen längeren Zeitraum, statt der Konzentration auf einzelne Aspekte.
Apropos 2. Liga, die ist in vielen Punkten – Gehalt, TV-Übertragung, Ausgeglichenheit, um nur ein paar Stichworte zu nennen – so weit weg von Liga 1, als ginge es um eine völlig andere Sportart. Gleichzeitig gehören zu den Aufsteigerinnen der Regionalligen mit dem VfB Stuttgart und Mainz 05 gleich zwei Lizenzvereine aus dem Männerfußball und mit Viktoria Berlin ein ambitioniertes Investor*innenprojekt. Konflikte sind vorprogrammiert, wo Ressourcen so weit auseinanderklaffen.
Der ewige Geheimplan des DFB
Um den Fußball hierzulande verlässlich weiterzuentwickeln, hat der DFB den damaligen Erstligavereinen bereits im Winter 2023 einen „Wachstums- und Entwicklungsplan“ vorgelegt. An dem vertraulichen Papier hatte der Verband im Vorfeld nach eigenen Angaben über ein Jahr gearbeitet. Bei den Clubs stießen nicht alle Ideen – darunter ein Mindestgehalt und Investor*innen-Überlegungen – auf Begeisterung. Parallel legte seinerzeit auch „Fußball kann mehr“ einen Entwicklungsplan vor.

Es folgte im Herbst 2024 die Gründung der „Geschäftsplan Frauen-Bundesliga Projekt GbR“ durch elf Bundesligistinnen der Vorsaison in Kooperation mit dem VfL Wolfsburg. Als Ziel wurde die „konzeptionelle Entwicklung und Ausrichtung der Frauen-Bundesliga in ein sich selbe tragendes, eigenständiges Ökosystem“ ausgegeben. In einer Taskforce wurde dafür mit dem DFB zusammengearbeitet, obgleich einige Clubverantwortliche auch Abwanderungsgedanken ähnlich der DFL formulierten. Die sind mittlerweile vom Tisch.
Immer noch nicht auf dem Tisch ist das Konzept der Zukunft, an dem über verschiedene Stationen nun seit bald drei Jahren gefeilt wird. Wie genau soll der Anschluss an den internationalen Fußball wiederhergestellt werden, wenn eine Reform so lange braucht, um überhaupt mal an den Start zu gehen?
Schwäche der Nachwuchsförderung
Schneller war man da mit Neuausrichtungen im Jugendbereich, sprich der Abschaffung der U17-Juniorinnen-Bundesliga. Unter der ächzen im Nachwuchsbereich weiter viele Vereine. Der Verband bleibt den Beweis schuldig, inwiefern hier im Sinne des Mädchen- und Frauenfußballs agiert wurde. Nicht ohne Grund hat der Westdeutsche Fußballverband (WDFV) mit der Einführung einer U19 Liga reagiert, um entstandene Lücken zu schließen. Die U19-Stufe ist bei den Mädchen nach wie vor nicht flächendeckend üblich.
Ebenfalls nicht flächendeckend sind die Nachwuchszentren, von denen nach einer Pilotphase im Januar sechs gestartet sind, bei der SGS Essen, Bayern München und der TSG Hoffenheim als DFB-Leistungszentren, beim VfL Wolfsburg, Eintracht Frankfurt und dem SC Freiburg als Talentförderzentren. Es ist kein Zufall, dass Amateur*innenvereine in dieser Aufzählung nicht zu finden sind: Für sie war es kaum möglich, die Anforderungen zu erfüllen – und da keine ausreichende strukturelle finanzielle Förderung der Zentren geplant ist, dürfte das diesen Clubs auch künftig schwerfallen. Es ist nicht kompliziert, sich auszurechnen, was das für die Ausbildung von weiblichen Talenten in der Breite bedeutet.
Die Breite macht die Spitze
Womit wir wieder bei der DFB-Elf wären, denn ein Nationalteam kann nun mal nur so gut sein, wie die Ausbildung und die Ligen des Landes. Was nicht bedeutet, dass ein Team nicht auch ohne gesunden Unterbau Titel gewinnen kann. Nur passiert das dann eben nicht aufgrund von gesunden Entwicklungen, sondern weil Turnierverläufe neben vielen anderen Faktoren immer auch ein bisschen Glückssache sind.
Die langfristigen Themen und grundsätzlicheren Baustellen im Fußball der Frauen werden hierzulande medial eher wenig begleitet. Das hat unterschiedliche Gründe, einer ist, dass Aufmerksamkeit vor allem zu Turnieren auch auf die Frauen fällt. Ein anderer, dass ausgerechnet das Thema Distanzlosigkeit sehr schnell aus dem Fußball der Männer in jenen der Frauen übergeschwappt ist. Wer als Journalist*in von der Nationalelf spricht und die Aussage mit „Wir“ beginnt, sich also zum Teil des Teams macht, ist womöglich zu nah dran an dem, was im Quartier passiert.

Der DFB, die Medien, das Boot
Schwierig ist auch die transportiere Haltung der DFB-Verantwortlichen selbst zum Thema Medien. Das haben Wück & Co. mit Nagelsmann und Staff gemeinsam: Die Vorstellung, Journalist*innen trügen eine Art Mitverantwortung für die gute Laune rund ums Team, das Gelingen eines Turniers, nach dem Motto: „Wir sitzen doch alle in einem Boot.“
Nein, sitzen wir nicht. Und die Tatsache, dass hierzulande nach einem schlechten Spiel in der öffentlichen Diskussion direkt der nationale Katastrophendienst angerufen wird, ist etwas völlig anderes, als kritischer Journalismus mit der gebotenen Distanz. Es wäre schön, wenn das auch der Bundestrainer einsieht.
An Wück selbst sowie seinem Staff gibt es bislang erstaunlich wenig Kritik. Dabei könnte man die Frage stellen, ob für die kurze Zeit seit dem Olympischen Fußballturnier letzten Sommer vielleicht zu viel Umbruch gewagt wurde. Übrigens nicht nur vom Staff: Die erstaunliche Vielzahl an Spielerinnen, die von sich aus ihre Nationalkarriere beendet haben in den zurückliegenden Monaten, wäre womöglich auch ein paar Gedanken wert gewesen.
Berger-Debatte ohne Not
Mit Ann-Katrin Berger hat der Bundestrainer nun ausgerechnet eine der verbliebenen Säulen mit seinen womöglich unbedachten Bemerkungen ohne Not aus dem Konzept gebracht. Und natürlich einer Öffentlichkeit preisgegeben, die sich seit jeher besonders unangenehm an der Besetzung im Tor reibt.

Dieses Thema wird er während des Turniers nicht mehr eingefangen bekommen. Gut möglich, dass Berger, die einst auch Chelsea verließ, weil sie nicht mehr das absolute Vertrauen ihrer Trainerin spürte, nun nach dem Turnier die nächste Prominente ist, die dem DFB Lebewohl sagt, um sich entspannt auf ihre Vereinskarriere zu konzentrieren.
Baustellen ja, Abgesang nein
Was also fördert die Analyse zusammenfassend zutage? Nationale Ligen, für die eine Entwicklung seit Jahren mit Ansage stockt. Nachwuchskonzepte, die bislang nicht nachweislich aufgehen. Ein Umbruch im Nationalkader der mit zu viel Druck passiert. Ein Blick auf Medienschaffende, dem ein falsches Verständnis zugrunde liegt. Und eine unnötige Schwächung jener Spielerin, ohne die es womöglich Bronze nie gegeben hätte.
Es ist nicht eine Baustelle, es ist eine Vielzahl – und die wenigsten sind wirklich neu. Sich das einmal einzugestehen, wäre ein erster Schritt. Hinzu kommt in der Chronologie der Ereignisse, dass die Entscheidung für Horst Hrubesch nach dem Aus von Martina Voss-Tecklenburg ja eine bewusste war. Damit hat man sich auch entschieden, einen echten Umbruch nicht direkt nach der WM 2023 zu beginnen, sondern nach den Olympischen Spielen. Die Medaille dort kann als Belohnung für diesen Weg angesehen werden. Dann allerdings mit der Kürze der Umstellungsphase im Vorfeld der EM Titelanspruch zu formulieren, war womöglich der entscheidende Fehler. Auch Nationen, die derzeit auftrumpfen, haben Zeit gebraucht für die Entwicklung, deren Früchte sie nun ernten.
Lernen, aus Fehlern zu lernen
Man hätte daraus lernen können, wie sich der DFB bei der WM 2019 mit seinen Ansprüchen verhoben hat, ebenfalls nach einer Ära-Hrubesch und ohne allzuviel Entwicklungszeit. Offen damit umgehen, wie früh das Turnier kommt, Ansprüche flachhalten – und so womöglich befreit aufspielen. Nichts davon ist passiert.
Das alles bedeutet nun nicht, dieses ist Turnier bereits verloren. Zu Fußball gehört ja, neben vielem anderen, wie gesagt immer auch ein wenig Glück: Womöglich hat die Elf davon im Viertelfinale etwas. Denn dieser Kader hat ja, bei aller zuletzt gezeigten Unbeständigkeit, Qualität, hat richtig gute Spielerinnen – und an besseren Tagen schon gezeigt, was gehen kann.
Ein möglicher Erfolg sollte dann nur bitte nicht genutzt werden, um wieder und weiter über die bestehenden Probleme hinwegzutäuschen. Bei der Vorstellung der Taskforce für die Liga erklärte Bianca Rech: „Diese Neuausrichtung ist auch die Voraussetzung, damit der deutsche Frauenfußball international wettbewerbsfähig bleibt.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Ja, ich würde mir auch wünschen, etwas anders an die Sache heranzugehen:
Klar in der Analyse, entschlossen in den Maßnahmen und unverkrampft im Umgang.
Im Moment ist die Deutsche Nationalmannschaft ganz gut, aber voraussichtlich nicht gut genug, um ins Halbfinale so eines Turniers zu kommen. Das kann, es lebe der Sport, natürlich trotzdem „passieren“, und wir alle wären furchtbar glücklich und dankbar, aber davon sollte man sich nicht täuschen lassen.
Wenn es im Viertelfinale zu Ende geht, dann hat das allen voran sportliche Gründe, und die lassen sich nie über Nacht beheben. Lasst uns nicht genauso verkrampfen wie bei den Männern, wo die Enttäuschung, ja fast schon Beleidigtsein über frühzeitiges Ausscheiden jahrelang darüber hinwegtäuschen kann, dass es einfach nicht genug starke Spieler, ggf. nicht den passenden Trainer und kein schlüssiges Konzept gibt, wie man etwas an dem Umstand ändern kann. Lieber reden wir über die Unterkunft, den Manager oder die Kommunikation des Trainers als über seine Trainingsmethoden und Spielweise oder gar den Nachwuchs.
PS Mein Lieblingsbsp. für den Zustand der zweiten Liga aus der gerade beendeten Saison: Man konnte beim HSV teilweise wenige Tage vorm Heimspiel nicht verlässlich herausfinden, wo das Spiel stattfinden würde. Verschiedene Quellen gaben verschiedene Spielorte aus (am Volkspark, in Eimsbüttel oder beim Trainingszentrum in Norderstedt), selbst seitens des Vereins war es leichter, das Essen im Trainingslager der Männer zu recherchieren als ganz sicher über den Spielort der Frauen informiert zu werden. Unprofessionell im wahrsten Sinne.
Was für eine sehr gute, sachliche und kluge Analyse. Das beste, das ich zu diesem Thema gelesen, gehört oder gesehen habe. Stark!