
Mainz 05-Frauen: Den Erfolg krönen
Unterhalb der 1. Liga führt der Fußball der Frauen hierzulande noch viel zu oft ein Schattendasein. Dabei lohnen es seine Geschichten, erzählt zu werden. Vor der großen Chance der Frauen des 1. FSV Mainz 05 zum Aufstieg in die 2. Liga werfen wir einen Blick auf ihre junge Geschichte – und den möglichen Triumph.
Eigentlich verbieten sich im Fußball der Frauen aus gutem Grund Vergleiche mit jenem der Männern. Dass die FSV-Frauen sich allerdings gerade anschicken, just im dritten Versuch den Aufstieg zu schaffen, ist schon sehr 05-like.

In der ersten Saison der Kooperation zwischen dem TSV SCHOTT Mainz und dem 1. FSV Mainz 05 konnte das Team noch in Blau-Weiß nach einer starken Hinrunde in der zweiten Saisonhälfte extrem verletzungsgebeutelt nicht ganz oben mithalten – und wurde am Ende Dritte. Vergangene Saison feierten die Frauen in ihrer ersten Spielzeit in Rot-Weiß den Titel, mussten sich in der Aufstiegsrelegation aber dem VfL Bochum geschlagen geben. Nun ist der Traum vor dem letzten Heimspiel zum Greifen nahe. Schon vorher steht fest, in Liga 2 wird das Stadion am Bruchweg die Heimspielstätte der 05erinnen. Ein wichtiger Schritt.
Mainz 05 profitiert von einer Reform
Die Möglichkeit, schon jetzt aufzusteigen, liegt auch an einer Reform des Ligensystems im Frauenfußball: Weil die 1. Bundesliga zur neuen Saison von 12 auf 14 Teams aufgestockt wird, steigen drei Teams aus der 2. Liga auf. Während in den letzten Jahren nur die Süd-Meisterin der Regionalligen ohne Umweg den Aufstieg sicher hatte, die Meisterinnen aus dem Südwesten und Westen sowie Norden und Nordosten aber die beiden weiteren Tickets untereinander ausspielen mussten, steigen nach dieser Saison alle fünf Meisterinnen auf.
Nach dem knapp verpassten Aufstieg in der Vorsaison war diese einmalige Chance Trost und Antrieb zugleich. Wie souverän das Team von Takashi Yamashita in dieser Saison die Liga dominiert, ist dabei alles andere als selbstverständlich. Das drückt sich nicht zuletzt in 105 geschossenen Toren aus.
Nadine Kreß: Macherin im Hintergrund

Eine, die größten Anteil daran hat, will selbst gar nicht ins Rampenlicht, sondern lieber andere strahlen lassen: die Sportliche Leiterin Nadine Kreß. Wie Kreß, die den Fußball-Job nicht hauptamtlich macht, Jahr für Jahr ein verbessertes Team zusammenstellt, ist beachtlich. Auch jetzt werden Stellschrauben bereits festgezogen, wie mit den Vertragsverlängerungen von Maja Pageler, Miriam Sterrer, Kara Bathmann und Jana Löber.
Gleichzeitig scheut sie sich nicht vor schwierigen Entscheidungen, wie nach der letzten Saison dem Abschied der beliebten Torhüterin Sophie Lindner. In der aktuellen Saison nun gehört Keeperin Mamiko Matsumoto zu den absoluten Unterschiedsspielerinnen. Während ihre Kolleginnen vorne nicht selten zweistellig treffen, hält sie hinten den Kasten sauber: Lediglich vier Saisontore hat Matsumoto vor den letzten beiden Spieltagen kassiert. Dabei hilft eine starke und verstärkte Defensive.
Der Kader hat sich dabei auch in der Breite entwickelt. Lange Ausfälle wichtiger Spielerinnen bleiben schmerzlich, und doch kann das Team sie viel besser kompensieren als noch in der Vergangenheit. Das gilt selbst dann, wenn Säulen wie Ebru Uzungüney oder Lisa Gürtler wegbrechen, Letztere bereits zum zweiten Mal mit einem Kreuzbandriss.

Entwicklung gegen Widerstände
Es ist ein Team, in dem sehr viel Erfahrung steckt – ein Umstand, der womöglich gar nicht so bekannt ist. Weil sich der Fußball der Frauen in Deutschland anders als jener der Männer mit Unterbrechungen und gegen Widerstände entwickelt hat, ist er bis heute weniger präsent, werden die Geschichten weniger erzählt. Doch das heißt nicht, dass sie nicht da sind.
Beispiele gefällig?
Defensivstrategin Jana Löber hat für den 1. FFC Frankfurt, inzwischen aufgegangen in der Frankfurter Eintracht, im Profikader gespielt. Ihr Debüt? Die Einwechslung für Kerstin Garefrekes im Viertelfinal-Rückspiel der Champions League 2015 gegen Bristol City. Löber verwandelte in der Schlussphase des Spiels einen Elfmeter zum 7:0. Frankfurt holte in dieser Saison den Titel.
Chiara Bouziane, vor der Partie zusammen mit Kreß in einer Medienrunde, hat mit SCHOTT bereits in der damals noch zweigleisigen 2. Liga gespielt. Auch für Saarbrücken, die Gegnerin am Wochenende, lief die Mainzerin – noch unter ihrem Mädchennamen Loos – in der 2. Liga auf, mit dem SC Sand spielte sie Bundesliga. Zudem durchlief sie die U-Teams des DFB.
Im Nationalteam der Türkei ist Ebru Uzungüney aufgelaufen. Die torgefährliche Defensivspielerin ist in Kassel geboren und vom 1. FFC Frankfurt zu SCHOTT gekommen, nach der Verletzung von Heiðrún Sigurðardóttir war es Uzungüney, die ihre 05erinnen als Kapitänin aufs Feld führte. Bis sie sich selbst verletzte – nun beendet sie ihre Karriere.
Geschichten, die erzählt werden wollen
Sigurðardóttir wiederum, die Nummer 8, hat sich erneut aus einer Verletzung zurückgekämpft. Sie ist mit 31 Jahren die letzte Spielerin aus einem Trio, mit dem sie jede Sekunde ihres Lebens geteilt hat: Mit ihren beiden Drillingsschwestern hat die Isländerin von klein auf Fußball gespielt und lange gemeinsam die Teams durchlaufen, ist nun am längsten dabei.

Fußball hat sie in den vergangenen Jahren nicht nur mit einem Jurastudium koordiniert, sondern ist letzten Sommer während ihrer Verwaltungsstation bei der Europäischen Kommission regelmäßig von Brüssel nach Mainz gependelt, um spielen zu können. Diese Liste ließe sich ewig fortsetzen, ob mit der aus den USA zurückgekehrten Jule Stendebach, der torhungrigen Nadine Anstatt, der trotz ihrer jungen Jahre so erfahrenen Kara Bathmann oder der international versierten Vital Kats. Die Beispiele sollen nicht zuletzt zeigen: Was diese Spielerinnen im Begriff sind, zu vollenden, ist ein echter Triumph.
Der Fußball der Frauen ist, anders, als das gern kolportiert wird, keine junge Sportart. Seine Geschichte begann nicht erst, als der DFB 1970 das Verbot aufgehoben hat, welches ab 1955 Vereinen verbandsintern untersagte, Abteilungen für Mädchen und Frauen zu führen. Doch sie haben immer gespielt, auch während der Verbotsphase, in anderen Strukturen. Sie mussten dabei aber um Anerkennung kämpfen, um Teams, Chancen und Plätze.
Das U19-Team schließt eine Lücke
Es ist wichtig, daran immer wieder zu erinnern, einmal, weil der Fußball der Männer in dieser Verbotsphase Sprünge gemacht hat, die später schwierig aufzuholen waren. Und weil es für Mädchen und Frauen auch heute nicht selbstverständlich ist, überall spielen zu können, schon gar nicht zu Bedingungen, die bei Jungs und Männern einfach vorausgesetzt werden. Weil es echte, ernstgemeinte Anstrengungen braucht, um das zu ändern.
In Mainz treibt die beharrlich eben jene Person voran, die für diese Feststellung doch kurz das Rampenlicht aushalten muss: Nadine Kreß. Und findet dabei immer mehr Mitstreiter*innen im Verein, auch im neuen Aufsichtsrat. Was beispielsweise zur Folge hat, dass Mainz 05 in der kommenden Saison ein U19-Team anmeldet: in der WDFV U19-Juniorinnen-Liga. Das ist eine spannende Neuerung, zumal der DFB die B-Juniorinnen-Liga vor der aktuellen Saison abgeschafft hatte und die Teams sich alternative Wettbewerbe suchen müssen.
Auch insgesamt war der Sprung direkt in den Aktivenbereich zuvor sehr groß, nun können die jungen Spielerinnen behutsamer herangeführt werden. Nachwuchs made in Mainz, das gehört auch bei den Frauen zur Philosophie. Offensivspielerin Finja Weiß ist eine, die da ganz vorne zu nennen ist. Keeperin Jolina Petri hingegen verließ die Geduld – und sie den Verein. Das sind Prozesse, die in dieser Wachstums- und Veränderungsphase dazugehören.
Takashi Yamashita: Mit ruhiger Hand

Es stecken viele Lernprozesse in dieser Truppe, die sportlich angeführt wird von einem, der selbst vielleicht den größten hingelegt hat: Trainer Takashi Yamashita. Im Oktober 2022 in der jungen Saison als Nachfolger von Nicolai König gekommen, waren es vor allem seine Neugierde und Offenheit, die den Weg ebneten. Er habe, erinnert sich Kreß, damals ganz offen erklärt, er müsse das für sich selbst herausfinden, ob es passe mit ihm und einem Frauenteam; schließlich war das eine neue Erfahrung.
Sportlich war der damalige Coach von Basara Mainz, der auch schon für die U23 der 05er seine Schuhe geschnürt hat, über fast alle Zweifel erhaben. Mit seiner ruhigen Art, optimal ergänzt aus einem Staff alter „Schott-Hasen“ und seinen eigenen sportlichen Wegbegleitern, ist er ein wichtiger Baustein im Erfolg.
AUFSTEIGERINNEN IN DIE 2. LIGA
Meisterin in der Regionalliga Nord ist der HSV, allerdings verzichtet der Club mit seinem II. Team auf den Aufstieg. Auf den Plätzen 2 und 3 sind derzeit Wolfsburg II und Kiel.
In der Regionalliga Nordost steht Viktoria Berlin als Aufsteigerin fest.
In der Regionalliga Süd ist den VfB-Frauen der Aufstieg vor dem dort bereits letzten Spiel aufgrund der Tordiffernz kaum noch zu nehmen.
In der Regionalliga West steigt der VfR Warbeyen auf, jedoch begleitet von Misstönen, unfreiwilligen Abgängen und abmontierten Nummernschildern (die Story ab Minute 40).
Man kann sagen, dieser Erfolg begann als ein Puzzle mit vielen Teilen, die in den letzten Jahren Stück für Stück zusammengefügt wurden. Nun fehlt nur noch eines, nämlich der letzte Punkt zum definitiven Aufstieg. Auch deswegen, weil der SC Siegelbach das Spiel gegen Mainz 05 am letzten Wochenende überraschend abgesagt hat. Die Pfälzerinnen, die anschließend am Mittwoch im Verbandspokal-Derby gegen Kaiserslautern gefordert waren (das Spiel musste wegen einer defekten Flutlichtanlage vorzeitig abgebrochen werden), bekamen nach eigenen Angaben kein Team zusammen. So fehlen 05 vorm letzten Heimweg mutmaßlich Punkte, wobei unverständlich ist, warum über die Spielwertung noch nicht entschieden wurde.
Den 05erinnen wird es am Sonntag egal sein. Sie wollen endlich gegen Saarbrücken gewinnen, zum ersten Mal in den letzten drei Saisons. Und dabei vor heimischen Publikum im ersten Ligaspiel im Bruchwegstadion den letzten Schritt gehen: zur Meisterinnenschaft. Und damit dem Aufstieg in die 2. Liga.
Beitragsbild: Christoph Kessel
