Marion Isbert hält lächelnd die Trophäe der EM 1989 in beiden Händen, die noch in ihren Torhandschuhen stecken.

Marion Isbert: Die Legende der EM 1989

Marion Isbert ist die erste Torhüterin des offiziellen DFB Nationalteams, Heldin der EM 1989 und eine der ersten sichtbaren Mütter im deutschen Fußball.

Almuth Schult hat ihre Karriere beendet und immer wieder taucht die Falschmeldung auf, dass sie Geschichte schrieb, weil sie die erste Torhüterin wäre, die nach einer Schwangerschaft in die DFB-Auswahl zurückkehrte. So sehr wir Almuth Schult lieben und den Hut vor ihrer Leistung ziehen: die Erste war sie nicht, das war Marion Isbert. Aber nicht nur deswegen lohnt es sich, Isberts Karriere einmal genauer anzuschauen.

Marion Isbert (geb. Feiden) ist die Torhüterin, die bei der ersten Live-Übertragung eines deutschen EM-Spiels den Einzug ins Finale sicherte: Im Halbfinale gegen Italien ging es nach der Verlängerung ins Elfmeterschießen. Sie hielt drei der Elfer und verwandelte einen selbst. Dieses Spiel löste einen regelrechten Hype um das deutsche Nationalteam aus. 

Die Stürmerin im Nationaltor

Anstoß an einem Mittwoch um 16h im Leimbachstadion in Siegen vor einer Kulisse von ca. 10.000 Personen laut der Übertragung des WDR. Für die Spielerinnen war das auch vor dem Spiel noch unvorstellbar: „Am Tag vor dem Spiel sagte jemand, das Spiel sei ausverkauft. Das haben wir natürlich nicht geglaubt“, erzählte Marion Isbert später in einem Interview mit dem Südwestdeutschen Fußballverband. 

Marion Isbert springt in ihrem Tor nach links weg zur Parade, an den Ball kann sie nicht mehr herankommen. Hinter ihrem Tornetz sind Fotografen und Publikum.
Torhüterin Marion Isbert kann das Gegentor durch Elisabetta Vignotto nicht mehr verhindern. Foto: IMAGO/Oliver Hardt

Italien und Deutschland lieferten sich eine spannende Partie: Nach der regulären Spielzeit, die bei dieser EM noch 80 Minuten betrug, stand es 1:1 unentschieden. Die beiden Treffer erzielten Silvia Neid (57.) und Elisabetta Vignotto (72.). In der Verlängerung wurde es nochmal knapp und man merkte den Spielerinnen die Erschöpfung an, auch Isbert patzte fast. 

Beeindruckend und bedenklich an der Situation: Sie stand mit gerissener Sehne im Fuß auf dem Feld und auch Petra Landers und Martina Voss hatten Verletzungen, die nicht harmlos waren. Das Elfmeterschießen war dramatisch und ging über sieben Runden, Deutschland vergab selbst dreimal. Aber auch dank Isberts herausragender Leistung stand am Ende fest: Deutschland steht im Finale und darf nach Osnabrück.

Kaffeeservice in Scherben

Was dann folgte, ist ein Meilenstein in der deutschen Fußballgeschichte: Die DFB-Elf der Frauen gewann mit einem 4:1 gegen Norwegen zum ersten Mal die Europameisterschaft – und bekam als Dankeschön das „legendäre“ Kaffeeservice.

Später sagte Marion Isbert auf die Frage, was sie damit macht: „Wir trinken daraus“ und wies darauf hin, dass „wir ja kein Geld bekommen durften, weil wir Amateure waren“. Im Jahr 2011 kickte sie für eine Ausstellungseröffnung symbolisch ein anderes Porzellanservice vom Dach des Bonner Frauenmuseums.

Die Situation der Fußballerinnen Ende der 1980er war nicht vergleichbar mit der Zeit, die dann folgte. Die EM legte mit dem „Hype“ auch den Grundstein für die Einführung der Bundesliga, welche es damals noch nicht gab und lange gefordert wurde. Das veränderte auch die Wahrnehmung und Berichterstattung über die Fußballerinnen für kurze Zeit in dem Sinne, dass sie überhaupt ernstzunehmend stattfand.

Plötzlicher Bekanntheits-Boost

Überregionale Zeitungen druckten Porträts der Torhüterin, auch der SPIEGEL schrieb über Isbert. Man erfuhr all die Dinge, die man wohl heute über Social Media mitbekommen würde: dass sie noch im Tor der DFB-Elf gestanden hatte, als sie bereits im fünften Monat schwanger war. Dass sie wieder im Tor stand, als ihr Sohn erst drei Wochen alt war. Dass sie „gelernte Konditorin“ sei, Musik von Mike Oldfield mag und gern mal mit Bayern-Torhüter Sepp Maier essen gehen würde. Die „einzige Hausfrau und Mutter in der Nationalmannschaft“, seit 1982 die unbekannte Nummer Eins im deutschen Tor, war plötzlich deutschlandweit bekannt.

Deutschlands Verteidigerin Frauke Kuhlmann im Zweikampf mit Italiens Stürmerin Elisabetta Vignotto. Kuhlmann links im Bild kniet mit einem Bein auf dem Rasen und macht mit dem anderen einen Spreizschritt, um den Ball wegzuspitzeln, sie schaut fokussiert auf den Ball und hat beide Arme von sich weggestreckt, um die Balance zu halten und Vignotto auf Distanz zu halten, die rechts neben ihr mit dem Rücken zu ihr nach einem Sprung in Richtung des Balles auf dem Boden zu landen scheint. Auch sie versucht noch ein Bein nach dem Ball auszustrecken, hat aber die ungünstigere Position, weil er schräg hinter ihr ist.
Deutschlands Verteidigerin Frauke Kuhlmann im Zweikampf mit Italiens Stürmerin Elisabetta Vignotto im Halbfinale der EM 1989. Vignotto ist eine der treffsichersten Stürmerinnen in der Geschichte Italiens – egal ob nun die Zahlen der FIFA (102 Tore in 110 Länderspielen) oder die etwas niedrigeren des italienischen Verbandes (97 Tore in 95 Spielen) korrekt sind. Foto: IMAGO/Oliver Hardt

Erst mit Einführung der Bundesliga spielte Isbert dann auch im Verein im Tor. Bis zum Beginn der Bundesliga im Jahr 1990 war sie nämlich vorrangig Feldspielerin und spielte bei der TuS Ahrbach als Stürmerin. Die Nationaltorhüterin begründet das mit der Suche nach einer Herausforderung:

„Als es noch keine Bundesliga und damit für den TuS Ahrbach überwiegend leichte Spiele gab, war es mir zwischen den Pfosten zu langweilig“, so Isbert im Magazin DieDa im Jahr 1995.

Marion Isbert: Erste Mutter im DFB-Tor

Bei besonders wichtigen Spielen war sie aber doch Torhüterin, so gegen den TSV Siegen im Viertelfinale um die Deutsche Meisterschaft 1989. Auch hier hielt sie den entscheidenden Elfmeter und die TuS Ahrbach kam bis ins Finale gegen Bergisch Gladbach.

StationZeitPosition
TuS Ahrbach1979-1989
1992-1994
Spielerin (Sturm und Tor)
TSV Siegen1990-1992Spielerin (Tor)
Deutsche Nationalmannschaft1982-1991Spielerin (Tor)
TuS Urbar?Trainerin
1936 Niederwerth e. V.2008 – ?Trainerin

Nicht nur ihre unglaubliche Leistung als Torhüterin und Stürmerin ist erwähnenswert. Marion Isbert bekam im Zuge ihrer Karriere in den 80ern ein Kind und war die erste offizielle Nationalspielerin des DFB, die Mutter war. Als sie 1991 zur WM in China fuhr, kümmerte ihr Mann sich in dieser Zeit um das Kind.

Zeitungs-Seitentitel: "Deutschlands Fußballdamen greifen in Osnabrück nach den Sternen" Mittig ein schwarzweiß Foto von Isbert mit Sohn Sven auf dem Arm ihres Ehemannes Franz-Joseph bei ihr. Links ein Artikel mit dem Titel "Die Kulisse wird und beflügeln. Um 6.30 Uhr klingeln die Wecker" und rechts "Titel zum Abschied des Trainerduos? Norwegens Stärken: Athletik und Kraft".
Die Neue Osnabrücker Zeitung nach dem EM-Halbfinale 1989.

Die Familie Isbert zeigte so auch schon zu Beginn der 90er, dass es u.a. mit der entsprechenden Rollenverteilung möglich ist, als Mutter auf allerhöchstem Niveau Fußball zu spielen. Oder wie das Magazin DieDa titelte: „Wenn Marion reist, wurde Mann Franz-Josef zum Hausmann“. Allerdings musste die Familie diese Herausforderung alleine stemmen, denn Verbände und Vereine entwickelten erst Jahrzehnte später ein ernsthaftes Bewusstsein für diese Thematik und ergriffen entsprechende Maßnahmen. 

Care-Arbeit und Fußball: Bis heute strukturelles Thema

Bis heute ist es bei manchen großen Verbänden keine Selbstverständlichkeit, Spielerinnen zu internationalen Turnieren zum Beispiel die Mitreise und Versorgung der Kinder anzubieten. Im Vereinsfußball ist die Ermöglichung von Zeit mit dem Kind und das Management von Care-Arbeit bis heute zum Teil sehr rückständig, zumal das vorherrschende Rollenbild bedingt, dass fast ausschließlich im Fußball der Frauen über diese Dinge gesprochen wird.

Vier Spielerinnen sitzen in einer Reihe auf dem Boden nebeneinander und haben jeweils ein Bein angewinkelt wie beim Schnürsenkel binden, so dass man die Stollen der Schuhe unter der Sohle sieht. Sie lächeln in die Kamera.
Silvia Neid, Martina Voss, Jutta Nardenbach und Marion Isbert (von links) im Jahr 1992 im Leimbachstadion des TSV Siegen. Novum: Der damalige Ausrüster stattete das Team mit einem speziellen Schuh für Frauen. Bis dahin hatten sie Herrenschuhe tragen müssen, die es zum Teil nicht in passenden Größen gab. Ob es weitere Anpassungen gab, wie heute beim Thema Fußballschuhe diskutiert wird, ist uns nicht bekannt. Foto: IMAGO/Rene Traut

Hinzu kamen zu Isberts Zeit andere Herausforderungen, zum Beispiel die, dass bei einem Transfer aus finanzieller Sicht für Spielerinnen ein Umzug oft nicht möglich war. Als Marion Isbert 1990 zum TSV Siegen wechselte, weil der TuS Ahrbach sich nicht für die Bundesliga qualifiziert hatte, pendelten sie und ihre Kollegin Jutta Nardenbach jeden Tag ca. 120 Kilometer (einfache Strecke) zu den Trainings und standen oft mitten in der Nacht auf, um zu den Bundesligaspielen zu kommen. Als dann zwei Jahre später Silke Rottenberg als Torhüterin ebenfalls zu Siegen wechselte, zog es Isbert wieder zum TuS Ahrbach. 

Auch nach ihrer Zeit als aktive Spielerin fühlte sie sich dem Fußball verbunden und wurde bei unterschiedlichen Vereinen Trainerin.

Marion Isbert setzte als Nationaltorhüterin Standards und ist spätestens seit dem Elfmeterschießen eine Legende der deutschen Fußballgeschichte. Leider konnten wir nie einen Kontakt zu ihr herstellen, aber falls jemand diesen Artikel liest, der uns hier helfen kann, würden wir uns sehr freuen. Viel schöner wäre dieser Text nämlich gewesen, wenn wir ihre eigene Perspektive nochmal aus der heutigen Sicht hätten.

Beitragsbild: IMAGO/WEREK

Quellen:

WDR Live Übertragung 1989

EM 1989 Video material https://www.planet-wissen.de/video-die-geschichte-des-frauenfussballs-in-der-bundesrepublik-ab–100.html 

Marion Feiden – dabei seit dem ersten Länderspiel 

https://www.spiegel.de/geschichte/frauenfussball-em-1989-a-947216.html

Der Fußball wird weiblich – Die Geschichte des Frauenfußballs in Rheinland-Pfalz, Hrsg. Südwestdeutscher Fußballverband 2011

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Franziska Blendin ist leidenschaftliche Fan des FSV Frankfurt, aber hadert auch mit der schlechten historischen Aufarbeitung des Vereins, wenn es um die Frauenfußball-Abteilung geht. Das ist einer der Gründe, warum sie sich vor allem mit der Geschichte des Fußballs der Frauen beschäftigt. Zur Vereinshistorie hat sie die „FSV Frankfurt Fußballfibel“ veröffentlicht. Durch die gemeinsame Recherche mit Sascha Düerkop zum falsch reklamierten 1. Bundesliga Tor des DFB ist der Podcast „Legende Verloren“ entstanden. Dieser ist mittlerweile ein Raum für vielfältige Geschichten und Interviews. Gemeinsam mit Sascha und vielen weiteren ist sie Teil des internationalen Geschichtsblogs „Forgotten Heroines“. Im eigentlichen Leben neben dem Fußball ist sie Maschinenbau-Ingenieurin bei der Deutschen Bahn und zeichnet Comics, wenn mal Zeit übrig ist.

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