Philipp Lahm schießt einen Elfmeter im Champions-League-Finale der Männer zwischen dem FC Bayern München in roten Trikots und dem FC Chelsea in blauen Trikots. Das Foto wurde von der Tribüne aus aufgenommen, vor der sich das Tor befindet, auf das der Elfmeter geschossen wurde.

Wie der Elfmeter zu seinem Namen kam

Der Elfmeter heißt eigentlich Strafstoß – penalty kick. Wie er zu seinem Namen kam, ist doch eigentlich klar, denn der Elfmeterpunkt ist ungefähr elf Meter mittig vor jedem Tor. Warum muss man das noch näher erklären? Weil eine amüsante Geschichte dahintersteckt, warum wir in Deutschland diesen Begriff häufiger verwenden als penalty kick oder Strafstoß.

Unterschiedliche Freistöße

Die elf Meter sind eigentlich 12 Yards, also 12 Schritte vom Tor entfernt. Das sind 10,9728 Meter, also ziemlich genau elf Meter. Warum sich in Deutschland der Begriff „Elfmeter“ durchgesetzt hat und zum Beispiel in Österreich nicht, ist ein historisches Missverständnis und hat nicht direkt mit dem „Elfer“ zu tun, sondern mit dem Freistoß.

Ursprünglich – bis ins 20. Jahrhundert hinein – gab es nur einen Freistoß. Ein ungehinderter (freier) Schuss als Ausgleich für ein vorangegangenes Foulspiel gegen das eigene Team. Diese Freistöße waren zunächst alle indirekt, durften also nicht ins Tor gehen. Die Ausnahme bildete zunächst der Strafstoß (seit 1891). In den 1910er Jahren kamen dann die Freistöße hinzu, die wir heute als direkte Freistöße bezeichnen, also Freistöße bei Vergehen gegen Regel 12 (Handspiel und unfaires Spiel), nicht aber z. B. bei einem falschen Einwurf. Und 1924 wurde der Eckstoß zum direkten Freistoß erklärt.

Nur gab es damals keine sprachliche Unterscheidung mit dem Zusatz direkt oder indirekt. Alles hieß weiterhin Freistoß, nur der Strafstoß hieß Strafstoß.

Freistoß, Strafstoß und Elfmeter

Der DFB ist seit 1904 Mitglied der FIFA und die FIFA ist seit 1913 Mitglied des IFAB. Damit ist der DFB seit 1913 an die internationalen Fußballregeln, die Laws of the Game, gebunden. Allerdings hat man sich bis in die 1950er Jahre nicht so sehr daran gehalten, sondern diese internationalen Regeln eher als Empfehlungen oder Basics angesehen, die man nach nationalem Gusto verändern konnte. Das war kein deutsches Phänomen. In Spanien gab es einige Jahrzehnte lang Torrichter, um die Diskussionen um die Torerzielung zu minimieren.

Ein deutscher Gusto in den DFB-Regeln der 1920er Jahre war die Differenzierung der Freistöße. Es wurde unterschieden zwischen: Freistoß, Strafstoß und Elfmeter. Ich habe mich lange gefragt, warum man zwischen Strafstoß und Elfmeter unterscheidet. Es ist doch der Name für das Gleiche! Gab es verschiedene Arten der Ausführung? Wurde unterschieden, in welcher Hälfte des Strafraums das Foul passierte?

Ein schlichtes Missverständnis

Die Antwort ist so banal wie amüsant: ein Übersetzungsfehler, der auf einem Missverständnis beruht. Im englischen Original wurde in den 1920er Jahren nur zwischen Freistoß und Strafstoß unterschieden. Es gab aber schon damals mehr Freistöße, die direkt verwandelt werden durften, als den Strafstoß/Elfmeter. Es fehlte nur die sprachliche Unterscheidung.

Die Übersetzer des DFB machten den einfachen Fehler, dass sie dachten, das IFAB würde unterscheiden und – ich benutze jetzt zum besseren Verständnis unsere heutigen Begriffe – in ihren Regeln alle indirekten Freistöße „Freistoß“ und alle direkten Freistöße „Strafstoß“ nannten. Auch die, die außerhalb des Strafraums geschossen wurden. Er war seiner Zeit einfach ein bisschen voraus.

Da sie aber schon für alle direkten Freistöße den Begriff „Strafstoß“ verwendeten, brauchten sie noch einen für diesen speziellen direkten Freistoß bei Vergehen im Strafraum. Unser Strafstoß brauchte einen Namen.

Und so kam der Elfmeter zu seinem Namen.

Beitragsbild: Wikimedia Commons, Markus Unger, CC BY-SA 2.0 

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Petra Tabarelli ist Fußballhistorikerin und -journalistin. Die Spezialistin für die Entwicklung der Fußballregeln schreibt für die DFB-Schiedsrichter-Zeitung, ist als Expertin im Deutschlandfunk zu hören und hat als Beraterin fürs IFAB gearbeitet. Tabarelli ist Mitglied des prämierten Kollektivs „FRÜF“ und setzt sich in der web.de-Kolumne für eine stärkere Präsenz und Förderung von Schiedsrichterinnen im Fußball der Männer ein. 2023 wurde sie zum Mitglied der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur ernannt. Zudem hat die Expertin die erste Biografie über den zu Lebzeiten sehr bekannten Simon Rosenberger geschrieben, einen jüdischen Fußball-Pionier und Begründer der DFB-Schiedsrichter-Zeitung, der zuvor aus der Geschichte getilgt worden war.

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